Samstag, 9. Dezember 2017

Ist Gefühl der Stoff des Ästhetischen?


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 Schön traurig


Dr. Anna Husemann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit 
Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

04.12.2017 15:48   

Negative Gefühle genießen – eine neue Studie zeigt, warum uns das in Film und Kunst gelingt.

Warum schauen wir uns traurige Filme an? Was reizt uns an einem Kunstwerk, Theaterstück oder Musikstück, das uns Angst macht, uns zum Weinen bringt oder andere negative Emotionen in uns hervorruft? Forscher des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik haben ein umfassendes psychologisches Erklärungsmodell für dieses scheinbar paradoxe Phänomen entwickelt.


Frankfurt – Die neuere Emotionspsychologie hat gezeigt, dass negative Gefühle besonders stark unsere Aufmerksamheit binden, besonders intensiv erlebt werden und besonders stark in Erinnerung bleiben. Max-Planck-Forscher um Winfried Menninghaus, den Direktor der Abteilung Sprache und Literatur am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, haben diese Erkenntnisse auf eine Idee gebracht: Da die Künste ebenfalls Aufmerksamkeit binden, intensives Erleben ermöglichen und erinnert werden wollen, sind beide – die Künste und negative Gefühle – dann nicht füreinander prädestiniert?

Das in der renommierten Fachzeitschrift „Behavioral and Brain Sciences“ veröffentlichte psychologische Modell bejaht diese Frage. Es erklärt, warum Kunstwerke, die negative Emotionen hervorrufen, oft als intensiver, interessanter, emotional bewegender und weniger langweilig, ja sogar als schöner wahrgenommen werden können als ein reines Bad in positiven Gefühlen.

Das Modell enthält zwei Faktoren. Der erste Faktor war bereits gut untersucht: Wir ordnen die Wahrnehmung von Kunstwerken in eine andere Kategorie von Erlebnissen ein als die der alltäglichen Realität. Diese kognitive Distanzierung schafft eine Art Sicherheitsraum, in dem wir negative Emotionen erleben können.

Der zweite Faktor, das eigentliche Herzstück des neuen Modells, enthält auf dieser Grundlage mehrere Mechanismen, kraft deren negative Emotionen sogar positiv zur Kraftquelle intensiven Kunsterlebens werden können. Der erste wird aus der großen Bedeutung von Variation und Dynamik für ästhetisches Erleben abgeleitet: Künstlerische Kompositionen, die uns in Wechselspiele positiver und negativer Gefühle verwickeln, werden als abwechslungsreicher, spannender und interessanter wahrgenommen. Zudem haben gemischte Gefühle, die positive und negative Anteile enthalten, eine große Bedeutung für die Integration negativer Gefühle in die positive Betrachtungslust. So empfinden wir etwa tiefes emotionales Bewegtsein auch dann als positiv und lustvoll, wenn es traurige Gefühle enthält. Ebenso sind positiv erregende Gefühle von narrativer Spannung nicht ohne Gefühle von „Unsicherheit“, Sorge und Angst um Protagonisten zu haben.

Dazu kommt, dass auch die ästhetische Kraft der Darstellung selbst (z.B. die Schönheit der Musik, der Worte, der Sprache, Farben etc.) negative Emotionen sowohl intensiver als auch positiver erlebbar macht. Und schließlich kann die Suche nach einer Bedeutung ebenfalls in negativen Gefühlen etwas Positives entdecken.

Das scheinbare Paradox, warum negative Emotionen zur Lust an Kunstwerken gehören, wird also erklärt, indem neue Erkenntnisse der Emotionspsychologie mit grundlegenden Prinzipien ästhetischer Wahrnehmung zusammen gedacht werden. Die Ergebnisse zeigen nicht nur, warum bestimmte Kunstgattungen wie Tragödien, Horrorfilme oder Melodramen gefallen. Sie identifizieren vielmehr grundlegende psychologische Mechanismen, die der Wahrnehmung von Kunstwerken oder Medienprodukten überhaupt zugrundeliegen.

Originalpublikation:

Menninghaus, W., Wagner, V., Hanich, J., Wassiliwizky, E., Jacobsen, T., & Koelsch, S. (2017). The Distancing–Embracing model of the enjoyment of negativ


Nota. - Der erste systematische Fehler an dieser Untersuchung: Es wird ohne Begründung das Feld des Ästhe- tischen auf künstlerische Artefakte eingeschränkt. Das schiebt von vornherein die Bedeutungen in den Vorder- grund; denn was von Menschenhand gemacht ist, wurde zweifellos in einer Absicht gemacht, und vor aller Reflexion stellt sich die Frage ein: Was wollte er uns sagen?

Das ist auch bei Kunstwerken gewiss nicht das einzige, wonach eine ästhetische Betrachtung suchen könnte. Nichtmal die wichtigste, sagen manche, aber eben darüber lässt sich streiten; doch bei Kunstwerken immerhin eine berechtigte. Beim sogenannten Naturschönen wäre es aber ein dumme Frage, und darum ersetzt sie der naive Betrachter ganz unbefangen mit dem Erraten von "Gefühlen" - und die schiebt er dann rückwirkend in das Kunstschöne ein; und staunt, wenn der Trick auch mit dem Kunstscheußlichen funktioniert.

So auch hier. Das spezifisch Ästhetische am ästhetischen Erleben wird nicht erst in der Antwort, sondern schon in der Frage verfehlt. Das ist so plump, dass die Frage auftaucht, ob nicht das Institut selbst verfehlt ist.

PS.  Bloß weil etwas, das in der Vorstellung vorkommt, in keinen Begriff passt, ist es noch lange kein Gefühl. Es könnte auch einfach eine Anschauung sein.
JE 

Freitag, 8. Dezember 2017

Das Ästhetische an einem Gedicht.











Dalí
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Bilder im Kopf – das
Geheimnis schöner Gedichte

Andrea Treber
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

05.12.2017 13:37 

Eine neue Studie der New York University und des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik zeigt, dass lebendige bildhafte Sprache die Attraktivität von Lyrik am stärksten beeinflusst. Die Ergebnisse verbessern unser Verständnis von ästhetischen Präferenzen im Allgemeinen.

Frankfurt - Die Wirkung poetischer Sprache wurde bislang vor allem anhand objektiver Kriterien wie Versmaß und Rhythmus gemessen. Zur ästhetischen Wahrnehmung gehört aber auch die subjektive Beurteilung. Wissenschaftler der New York University und des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik haben nun am Beispiel von Gedichten subjektive Faktoren identifiziert, die unsere ästhetischen Präferenzen prägen. Das Ergebnis zeigt: Je stärker ein Gedicht lebhafte Sinnesbilder hervorruft, desto mehr gefällt es uns.

Mehr als 400 Teilnehmer bewerteten im Rahmen der Studie Gedichte der Gattungen Haiku und Sonett. Nach der Lektüre jedes Gedichtes gaben sie eine Beurteilung anhand von vier subjektiven Kriterien ab: Die Probanden stuften die Lebendigkeit der sprachlichen Bilder ein (zum Beispiel "wie ein sich ausbreitendes Feuer") und die Valenz, d.h. ob sie das Thema positiv oder negativ wahrnahmen. Zudem wurde ihre emotionale Erregung abgefragt sowie die ästhetische Anziehungskraft (wie sehr mag der Leser das Gedicht).

Edward Vessel, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, der die Studie gemeinsam mit Amy Belfi und Gabrielle Starr (New York University) durchführte, erklärt: "Wir vermuten, dass der Grund für den starken Einfluss der sprachlichen Bilder in ihrem Potential liegt, Bedeutung zu transportieren. Eine lebendige Sprache gibt dem Leser die Möglichkeit, Dinge durch seine Vorstellungskraft zu sehen, zu hören oder zu fühlen und so eine quasi-sinnliche Dimension zu erfahren." Der zweitstärkste Einflussfaktor für die ästhetische Anziehungskraft eines Gedichtes war eine positive Valenz. Der Grad der emotionalen Erregung hatte keinen starken Bezug zur empfundenen Attraktivität.

"Weil der Einfluss intensiver mentaler Bilder in unserer Studie so groß war, gehen wir davon aus, dass dieser Faktor auch unsere Präferenzen in anderen ästhetischen Genres beeinflussen kann", führt Vessel aus. Weitere Studien werden zeigen, inwieweit auch die Attraktivität beispielsweise von Musikstücken mit der Fähigkeit verbunden ist, Bilder in unseren Köpfen zu erzeugen.

Originalpublikation:

Belfi, A. M., Vessel, E. A., & Starr, G. G. (2017). Individual Ratings of Vividness Predict Aesthetic Appeal in Poetry. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts. Advance online publication. dx.doi.org/10.1037/aca0000153

Kontakt:

Edward Vessel (Co-Autor)
Tel.: +49 69 8300 479 327
edward.vessel@ae.mpg.de

Andrea Treber (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)
Tel.: +49 69 8300 479 652
presse@ae.mpg.de


Nota. - 'Zur ästhetischen Wahrnehmung gehört aber auch die subjektive Beurteilung': Das ist schön, so etwas zu lesen vonseiten eines Instituts für empirissche Ästhetik! Es ist nur nicht sicher, was sie unter 'ästhetischer Wahr- nehmung' verstehen wollen. Die subjektive Beurteilung allein wirds ja wohl nicht sein. Was also ist an einer Wahrnehmung ästhetisch?  

Ich meinte (und meine) bis jetzt, eben dies, dass die keine 'Bedeutungen transportieren', sondern ohne dies 'ge- fallen'. "Ohne Interesse", heißt es bei Kant, und Interesse ist, was eine Bedeutung ausmacht. Da ist es heikel, beim Verstehen des Ästhetischen gerade bei der Wortkunst anzufangen. Denn welche Lautverbindungen nennen wir Wörter, wenn nicht solche, die eine Bedeutung bezeichnen (nicht "transportieren")?

Wenn nun der Bilderreichtum der Gedichte 'lebhafte Sinnbilder' hervorruft, muss es wohl daran liegen, dass er eine andere Bedeutung hervorruft, als die Wörter selber hatten. Das Ästhetische wäre dann nicht, dass sie 'Be- deutung transportieren', sondern dass sie Bedeutung verrätseln. Dass sie also Begriffe zu Bildern verflüssigen, und die sind naturgemäß vieldeutig. Dass sie schließlich 'Bedeutung' nicht "transportieren", sondern den Hörer oder Leser, der sie sich ausmalt, anhält, sie selber zu 'deuten'. Dass sie, kurz gesagt, den Hörer oder Leser zum Mitdichten verleiten.

Ob es zu dieser Erkenntnis der Experimente einer "empirischen Ästhetik" bedurft hätte?
JE 

 

Dienstag, 5. Dezember 2017

Ein Portal für E.T.A. Hoffmann.





Gemütslage: exzentrisch
Die Staatsbibliothek zu Berlin widmet dem künstlerischen Tausendsassa E.T.A. Hoffmann ein Online-Portal.

von  

Er ist alles andere als ein Vergessener – und doch ein hartnäckig Ungeliebter. E.T.A. Hoffmann gilt heute als verwegene Leidenschaft. Verglichen mit seinem Zeitgenossen Jean Paul, dem anderen romantischen Großironiker, ist er zweite Wahl, und dass Arno Schmidt, der Spezialist für sprachliche Sonderlinge, beide in hohen Ehren hielt, gehört zu den Empfehlungen eines untergegangenen Literaturzeitalters. Dabei wusste Hoffmann selbst, wie er andere verstören konnte. „Dass es zuweilen etwas exzentrisch in meinem Gehirnkasten zugeht, darüber freue ich mich eben nicht beim Besinnen“, schrieb er an seinen „trauten lieben einzigen Freund“, den preußischen Beamten, Aufklärer und Schriftsteller Theodor von Hippel. „Dies Exzentrische setzt mich offenbar herunter in den Augen aller, die um mich sind – und Leute, die alles in Nummern teilen und apothekerartig behandeln, möchten mir manchmal ihren orthodoxen Krummholz um den Hals werfen.“

Die Überspanntheit störte schon Jean Paul. Für Hoffmanns Debütband „Fantasiestücke in Callots Manier“ (1814), der auch das berühmte Schauermärchen „Der goldne Topf“ enthält, spendierte er auf Bitten des Verlegers noch eine Vorrede, in der es heißt: „In seiner dunkeln Kammer bewegen sich an den Wänden heftig und farbenecht die koketten Kleister- und Essigaale der Kunst gegeneinander und beschreiben schnalzend ihre Kreise. In rein ironischer und launiger Verkleinerung sind die ekeln Kunstliebeleien mit Künsten und Kunstliebhabern zugleich gemalt; der Umriss ist scharf, die Farben sind warm, und das Ganze voll Seele und Freiheit.“ Doch in den Folgejahren wuchs die Distanz beiderseits in Siebenmeilenschritten, und 1820 stellte Jean Paul unmissverständlich fest, Hoffmann sei „eine abwärts sinkende Sonne, die bei ihrem Aufgang kulminiert hat“.

Dem darf man getrost widersprechen, auch wenn sich nicht leugnen lässt, dass die Schatten, die E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) ins 21. Jahrhundert wirft, kürzer und kürzer werden. Rüdiger Safranski widmete dem „skeptischen Phantasten“ 1984 noch einmal eine schöne Biografie. In den Schulen stehen gerade noch die Kriminalnovelle „Das Fräulein von Scuderi“ oder die schwarze Erzählung „Der Sandmann“ über die besessene Liebe zu einer hölzernen Automatenfrau auf dem Lehrplan. Für sein vielschichtigstes Werk, die „Lebensan- sichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johann Kreisler“, erwärmt sich kaum noch jemand.

Entsprechend klein ist die Zahl derer, die zu seinem Grab auf dem Friedhof Jerusalem III am Mehringdamm wallfahrten. Immerhin könnte man seiner dort als jenes Tausendsassas gedenken, der, wie die Inschrift festhält, „ausgezeichnet im Amte, als Dichter, als Tonkünstler, als Maler“ war.

Die Aufgabe, Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der seinen dritten Vornamen aus Verehrung für Mozart gegen Amadeus eintauschte, in all seinen Facetten lebendig zu halten, übernimmt seit 2016 das stetig wachsende E.T.A.-Hoffmann-Portal (etahoffmann.net) der Berliner Staatsbibliothek. Ob man Hoffmann als Berliner Kammergerichtsrat, als Zeichner und Karikaturisten, als Bamberger Kapellmeister, eigenwilligen Komponisten oder Schriftsteller kennenlernen will: Das aus dem Nachlass der Hoffmann-Forscherin Christa Karoli finanzierte Portal bietet eine Vielzahl digitalisierter Autografen und flankiert sie mit Essays und Informationen zu Leben, Werk und Rezeption. Am 12. Dezember um 17.30 Uhr wird die Betaversion im Rahmen eines Festakts mit Ingo Schulze im Haus am Potsdamer Platz auf die Vollversion umgestellt (Anmeldung über die Website).

Das Portal ist eine einzigartige Fundgrube, aber seiner äußeren Aufgeräumtheit zum Trotz ein Verhau, der weder den Ansprüchen von Wissenschaftlern noch denen von Lesern gerecht wird. Die einen müssen ohne Volltextsuche leben, die anderen mit Werkausgaben in Frakturschrift, die sich nicht einmal herunterladen lassen. Und wer nach bestimmten Aspekten wie dem Hoffmann zugeschriebenen erotischen Roman „Schwester Monika“ forscht, bleibt in der Bibliografie stecken. Sei’s drum: Auch dieses Allerlei bewahrt etwas von seinem Geist.

Hoffmann als Kreisler


Nota. - Safranskis Hoffmann-Biographie ist nicht sein Magnum opus, aber im Hauptpunkt hat er Recht: Hoffmann ist der romantische Künstler schlechthin. In der Hauptsache Dichter, aber nur aus Versehen und weil er Geld brauchte, im Kopf mehr Musiker, im Herzen Theaterdirektor und Kulissenmaler, von Beruf Kammer- gerichtsrat. Geschmäht von allen, die einen guten Namen haben, geistigen Getränken stärker zugetan, als seiner Gesundheit zuträglich war, und ein treuer Ehemann.

Und ein Gutteil seiner Dichtung ist einfach Mist, hingeklatschter Schund für leicht erregbare Fräuleins, ja er brauchte das Geld, um die Zechen bei Lutter &Wegner zu bezahlen. Aber außerdem die reinsten Perlen der deutschen Romantik, und ich würde den ganzen Goethe hergeben und Schiller und Bertolt Brecht obendrauf, wenn ich je den dritten Band des Katers Murr lesen könnte.
JE

Dienstag, 14. November 2017

Reizbrei statt Erfahrung.

Charles Sheeler, American Landscape, 1930.

Adrian Daub schreibt in einem Beitrag für die Neue Zürcher vom 8. 11. 2017 unter anderm:

... Auf der Suche nach einem Standpunkt, der weder technologischen Fortschritt prinzipiell unter Verdacht stellte noch den Triumphzug Silicon Valleys verherrlichend und ausschmückend begleitete, besinnen sich die USA auf die Kunst der zwanziger Jahre: einer Ära also, in der die Kunst und der Geist keine Angst vor der Technologie hatten und sich deren Herausforderungen kreativ stellten.

Anfang 2018 wird das De Young Museum in San Francisco Sheeler und den anderen «Präzisionisten» seiner Ära eine grosse Retrospektive widmen. Das De Young ist ein hochmodernes, hochtechnisiertes Gebäude, das sich trotzdem harmonisch in die Eichen und den dräuenden Küstennebel des Golden Gate Park einfügt. Die Schau, das Museum, die Künstler, die hier versammelt werden, sie alle stellen die Frage: Was passiert, wenn die Hypermodernisierung kommt, und ich fühle mich eigentlich gar nicht schlecht dabei? Diese Frage hat in Silicon Valley besondere Sprengkraft: Man weiss, dass man Schuldgefühle haben sollte angesichts der Veränderungen, die man über die Welt bringt, aber so ganz versteht man diesen Imperativ nicht. Man hat hier seine Heimat in der Technik gemacht und wird gerne als warnendes Beispiel abgetan.

Sheeler und die restlichen Präzisionisten haben sich weder der Technikskepsis hingegeben noch die Verwerfungen der technologischen Moderne als deterministisches Prinzip gefeiert wie die italienischen Futuristen. Auch den Philosophen John Dewey trieb die ganz unnostalgische Frage um, wie sich moderne Erfahrung durchdringen und strukturieren lasse. Obwohl er nicht explizit von Technologie ausgeht, kann man das ferne Rattern der Fliessbänder und das Pfeifen der Lokomotiven auch aus seiner Ästhetik heraushören. 

Charles Sheeler, Rolling Power

Deweys Behauptung ist, dass die Reizüberflutung durch die moderne Welt nicht aufgrund der Masse von Reizen ein Problem sei, sondern aufgrund der unklaren Kontur dieser Reize. Unsere «Erfahrung» sei, so Dewey, ein einziger Reizbrei, was fehle, sei die Möglichkeit, «eine Erfahrung zu haben». Eben hier könne Kunst helfen, weil sie uns die Dinge in künstlicher Isolation, Konzentration und Abgeschlossenheit präsentiere – wir können sie durch Kategorien wie Anfang, Ende und Struktur erfahren. ...


Nota. - Wahrnehmung jeder Art geschieht in der Spannung zwischen Figur und Grund. Je gewöhnlich-selbstverständli- cher der Grund, umso außerordentlicher tritt die Figur hervor. Doch gewöhnlich und selbstverständlich kann auch das Tohuwabohu sein; auf einem Bild von Jackson Pollock würde ein weißer Fleck zur Figur reichen. Da hat John Dewey völlig recht: wenn die Reize flutend rauschen, werden sie gar nicht wahrgenommen, sondern das, was sie unterbricht und in die Schranken weist.

Was selbstverständlich und gewöhnlich ist, hängt aber nicht nur von der "Umwelt" ab, sondern auch von der Bildung ("Erfahrung") des Wahrnehmenden. Das ist eines der Probleme, um nicht zu sagen: das Problem der Kunst seit der Industrialisierung, seit der Entstehung einer breiten Masse von Gebildeten und einer noch größeren Masse von weniger Gebildeten, die aber doch als Konsumenten zählen, kurz seit der Scheidung der Kunst in Avantgarde, Mainstream und Kitsch. Kunst, die als solche gelten will, muss neu sein - das musste sie immer; aber früher konnte neu auch lediglich anders sein, doch seit sie modern ist, muss sie auch gegen etwas auftreten.

Charles Sheeler, Titel?

Bloß seit alles schonmal dagewesen ist, ist das nicht mehr so einfach. Zwar kann dem unbefangenen Auge Charles Sheeler heute wie eine Offenbarung vorkommen, und bis gestern war das mein Fall. Aber heut schon nicht mehr.
JE



 

Samstag, 11. November 2017

Minoisches Kunstwerk auf einem Sandkorn.

aus scinexx

Minoer-Siegel verblüfft Archäologen
Fund in mykenischem Grab wirft neues Licht auf Kunst der Minoer

Einzigartiger Fund: Im Grab eines mykenischen Kriegers haben Archäologen eines der beeindruckendsten Kunstwerke der Bronzezeit entdeckt. Es handelt sich um ein 3,6 Zentimeter großes Steinsiegel, in das eine verblüffend detailgetreue Kampfszene eingraviert ist. Der Stil des Reliefs spricht dafür, dass das 3.500 Jahre alte Fundstück ursprünglich aus dem Reich der Minoer stammt – und wirft daher ein ganz neues Licht auf ihre künstlerischen Fähigkeiten. 

Die Minoer waren die erste Hochkultur Europas: Von Kreta aus dominierten sie jahrhundertelang das Mittelmeer, bis ihr Reich um 1450 vor Christus in sich zusammenfiel. Die Ursachen für diesen Niedergang der Minoer sind bis heute nur in Teilen bekannt. Klar ist nur, dass eine weitere Macht im östlichen Mittelmeer, die Mykener, von dem dadurch entstehenden Machtvakuum profitierten.

Grab eines mykenischen Kriegers

Wie eng beide Kulturen zusammenhingen, hat vor zwei Jahren ein sensationeller Fund in Pylos im Südwesten des griechischen Peleponnes demonstriert. Archäologen entdeckten dort das 3.500 Jahre alte, intakte Grab eines mykenischen Kriegers oder Priesters mit einer spektakulären Menge an kostbaren Grabbeigaben. Laut griechischem Kulturministerium handelt es sich dabei um den bedeutendsten Fund der letzten 65 Jahre in Griechenland.

Unter den gut 3.000 Fundstücken waren unter anderem vier goldenen Siegelringe, silberne Trinkbecher, Edelsteine und ein reich verziertes Schwert. Bei näherer Untersuchung erwiesen sich die Goldringe jedoch nicht als mykenische Kunst, sondern als Werk minoischer Goldschmiede. Auch andere Grabbeigaben waren minoischen Ursprungs und zeugen von den engen Verbindungen der beiden Kulturen in der Zeit des Machtwechsels.
In den Stein eingraviert ist eine detailreiche Kampfszene mit drei Kriegern

Steinsiegel mit verblüffend detailreicher Kampfszene

Jetzt jedoch haben die Archäologen das womöglich kostbarste Relikt dieses Bronzezeit-Grabes entdeckt. Als sie in mühevoller Kleinarbeit ein stark mit Kalkablagerungen verkrustetes Objekt von seiner Hülle befreiten, entpuppte sich dieses als ein kunstvoll verziertes Steinsiegel. Auf dem nur 3,6 Zentimeter langen, ovalen Siegel ist der Kampf eines Kriegers gegen zwei Feinde erstaunlich lebensecht und detailreich eingraviert.

"Als wir das erste Mal dieses Bild erblickten, waren wir zutiefst bewegt – es ist ein echtes Meisterwerk", erklärt Shari Stocker von der University of Cincinnati. "Die Darstellung der menschlichen Körper und der Muskulatur ist so detailliert, wie es sich erst wieder 1.000 Jahre später in der klassischen Periode der griechischen Kunst findet. Das ist ein spektakulärer Fund."

"Meisterwerk der Bronzezeit"

Spektakulär ist auch die Kunstfertigkeit, mit der die Miniatur-Kampfszene in den Stein graviert wurde: "Einige der Details sind nur einen halben Millimeter groß", berichtet Stockers Kollege Jack Davis. "Sie sind wirklich unvorstellbare klein." Die Verzierungen der Waffen, der Schmuck und die Gewänder der Kämpfer seien nur mit Lupe oder sogar Mikroskop genau zu erkennen.

Erst die Vergrößerung enthüllt, wie erstaunlich lebensecht der Künstler beispielsweise die Muskeln darstellte.

Nach Ansicht der Archäologen ist dieses Siegel eines der herausragendsten Werke griechischer Kunst, die je entdeckt worden sind - und der kunstfertigste Fund aus der ägäischen Bronzezeit. Kein anderes Kunstwerk aus der Zeit der Minoer und Mykener komme auch nur ansatzweise an die handwerkliche und künstlerische Perfektion dieses Siegel heran, so die Forscher. "Dieses Siegel wird unsere Sicht auf die prähistorische Kunst verändern", sagt Stocker.

Neues Licht auf die Kunst der Minoer

Interessanterweise ist das Bronzezeit- Siegel jedoch keine mykenische Arbeit, sondern stammt aus dem Reich der Minoer – ähnlich wie viele andere Funde aus dem Grab dieses mykenischen Kriegers. "Dieser Fund demonstriert, dass die Minoer damals Kunst eines Niveaus erschufen, das ihnen bisher keiner zugetraut hätte", sagt Davis. "Ihre Fähigkeit, Bewegungen und die menschliche Anatomie darzustellen, ging offenbar weit über das bisher Vorstellbare hinaus."

In die Hände des mykenischen Kriegers gelangte das Siegel vermutlich unmittelbar nach dem Untergang des Minoer-Reiches. Schon länger vermuten Historiker, dass die Mykener sich bei der Eroberung minoischer Stätten auch bei den Reichtümern und Kunstschätzen ihrer Vorgänger bedienten. "Dieses Siegel muss damals ein sehr wertvoller Besitz gewesen und bestätigt damit, dass dieser Krieger eine wichtige Rolle in der mykenischen Gesellschaft gespielt haben muss", sagt Stocker.

(University of Cincinnati, 07.11.2017 - NPO)

 
Nota. - Von einem indischen Minitaurenmaler der Mogulzeit geht die Legende, er habe ein ganze Reiterschlacht auf einem Sankorn darstellen können. Die indische Buchmalerei hatte ein Tradition von einigen hundert Jahren, viele ihrer Werke sind bis heute erhalten. Man darf auch annehmen, dass die Maler schon über optische Hilfsmittel verfügten.

Nichts davon trifft auf die Minoer zu. Dieser Stein ist singulär. Das kann er nicht lange bleiben, sollte man meinen. Diese Meisterschaft der Ausführung kann nicht einer allein erfúnden haben. Dass man aber nichts dergleichen bisher gefunden hat, ist wirklich ein Mysterium.

PS. Und siehe da - kaum hatte ich das geschrieben und suchte im Internet nach anderen Abbildungen, da fand ich schon auf Wikipedia: Es ist gar nicht solitär! Dieses Siegel hier ist längst bekannt; es ist 2,4 cm groß. Und es gibt noch mehr davon:
Siegel mit Eberjagd, linsenförmig, rot-gelb gefleckter Jaspis, Durchmesser ca. 2,4 cm, um 1500 v. Chr., aus einem Grab bei Pylos

Richtig ist nur, dass das neu gefundene Stück noch etwas feiner gearbeitet ist. Dass man sich auch auf scinexx nicht verlassen kann, betrübt mich sehr.
JE


 

Sonntag, 5. November 2017

Die Geburt des Kunstmarkts in Holland.


aus Tagesspiegel.de, 04.11.2017 17:29 Uhr                                          Adriaen van Ostade, Maler in seiner Werkstatt

Ausstellung über die Anfänge des Kunstmarkts 
Die Vermalung des Himmels 
Wie der Kunstmarkt begann: Eine Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum beleuchtet die Strategien von Malern wie Rembrandt, Ruisdael oder van Goyen.

von Nicola Kuhn

„Jede Gesellschaft hat die Kunst, die sie verdient,“ hebt Franz Wilhelm Kaiser noch nüchtern zur Betrachtung der Situation auf dem Kunstmarkt an, um sich dann fast in Rage zu reden: „Wir haben diese absurd hohen Preise.“ Ab zehn Millionen Euro für ein Werk ginge es nicht länger um die Kunst, davon ist der neue Direktor des Bucerius Kunst Forums in Hamburg überzeugt. Ab dieser Summe bestimme Fetischismus das Käuferverhalten und es handele sich um Potenzgehabe.

Der für das 20. Jahrhundert ausgewiesene Kunsthistoriker, der vor seiner Berufung vergangenes Jahr über ein Vierteljahrhundert Ausstellungsdirektor des renommierten Gemeentemuseum Den Haag war, redet sich um Kopf und Kragen, fürchtet man schon. Doch Kaiser gibt nur ein Präludium seiner ersten eigenen Ausstellung am neuen Haus, die sich der „Geburt des Kunstmarktes: Rembrandt, Ruisdael, van Goyen und die Künstler des Goldenen Zeitalters“ widmet. Mit den alten Meistern wagt er sich als Kurator auf neues Terrain, in der Sache aber ist er sicher. Die absurden Preise, gierigen Händler, überschätzten Künstler – all das gab es schon vor 350 Jahren, als in den Niederlanden die Kommerzialisierung der Kunst ihren Anfang nahm: seit ein gebildetes, selbstbewusstes Bürgertum die Malerei als Mittel zur Distinktion für sich entdeckte. 

Willem Kalw, Trinkhorn, 1653

Doch Kaiser ist weit von jeder Polemik entfernt. Vielmehr will er dem Publikum ein „Heureka“-Erlebnis bescheren, wie er betont. Seine Ausstellung bleibt denn sachlich-fachlich, die Verbindung zur Gegenwart und ihren Preisausschlägen hinauf in irrwitzige Höhen besteht nur unterschwellig. Ab der Gründung der Niederlande, bestehend aus den sieben nördlichen Provinzen, arbeiteten die Künstler erstmals für eine anonyme Käuferschaft, nicht mehr unmittelbar für einen Auftraggeber, sondern für das Depot eines Händlers.

Um in der Konkurrenz gegen die zahlreichen Mitbewerber zu bestehen, mussten sie sich als Marke etablieren. Von 1590 an wuchs die Zahl der Maler innerhalb von dreißig Jahren von 150 auf 350. Wollten sie erfolgreich sein, mussten sie sich voneinander unterscheiden – in Stil, Methode und Thematik. Je schneller sie waren, desto besser war es fürs Geschäft, denn so ließ sich innerhalb kürzerer Zeit mehr produzieren, konnten die Preise niedrig gehalten werden.

Die neuen Bürger wollten Bilder mit weitem Blick auf ihr Land

Aus diesem Denken, so eine These der Hamburger Ausstellung, entstand die Ton-in-Ton-Malerei, bei der die einzelnen Zonen des Bildraums nicht mehr minutiös hintereinander gestaffelt werden, sondern Tiefe durch monochrome Vermalung des Himmels entsteht. Der Marinemaler Jan Porcellis soll diese Methode erfunden haben. Im einem Wettstreit, von dem Samuel van Hoogstraten in seiner berühmten „Einführung in die Hohe Schule der Malkunst“ von 1678 berichtet, schlägt er prompt den heute viel bekannteren Jan van Goyen aus dem Feld.

van Goyen, Blick über den Rhein bei Arnheim

Dessen „Blick über den Rhein bei Arnheim“ von 1645 zeigt, was die neuen Bürger von einem Bild verlangten: Sie wollten den weiten Blick auf ihr Land. Die zuvor dominierenden Szenen wurden wie das Figurenprogramm zur Nebensache. Nur ganz klein, vorne rechts legt auf Goyens Bild eine Fähre an. Himmel und Wolken bleiben dennoch die Hauptdarsteller. Die Landschaft wird zu einer eigenen Gattung.

„Weltaneignung“ ist für Kaiser das Stichwort für diese Form der Selbstvergewisserung via Kunst, darüber hat er an der Universität Leiden promoviert. Nicht das Erhabene, sondern das Erdverbundene wünschte die neue Kundschaft zu sehen. Genreszenen werden zum Verkaufsschlager. Wirtshausszenen, raufende Bauern, schmuddelige Kinder erfreuen sich größter Beliebtheit. Waren sie anfänglich noch vulgär, ja ordinär und summarisch gemalt wie bei Adriaen von Ostade, so verfeinert sich die Gattung mit Jan Steen in den sechziger Jahren immer mehr. Gesoffen, derb angebandelt wird weiterhin.

 
Aus Rembrandts Werkstatt. Portät von Willem Burchgraeff, 1633 (Ausschnitt)
 
Die Hamburger Ausstellung ist prachtvoll, mit schönsten Leihgaben aus Dresden, Leipzig, Wien, London, Berlin. Dazu liefert sie eine stringente inhaltliche Auseinandersetzung, einen forcierten Erkenntnisgewinn. Das ist es denn auch, was man ihr zum Vorwurf machen könnte: dass die Kunst als Beleg für die These herhält und durch teilweise extrem dichte Hängung nachgewiesen werden soll, wie stereotyp so mancher Bildereinfall war.



 Jan Wennix, Stillleben mit Hasen

Das kann sogar komisch wirken wie bei den Jagdstillleben von Jan Weenix, bei dem der immer gleiche Hase dekorativ hingestreckt liegt: die vorderen Pfoten gekreuzt, die hinteren auseinandergebogen, um das helle Bauchfell zu zeigen. Mal fließt mehr, mal weniger Blut aus dem Maul des toten Tiers. Jagdstillleben wurden ebenfalls zum Hit beim wohlhabenden Bürgertum. War doch die Jagd bislang dem Adel vorbehalten, das Bild an der Wand galt ihnen als Ersatz für die Trophäe.

Das Berufsbild des Galeristen etablierte sich gerade erst

Serialität – „there rings a bell“, sagt Direktor Kaiser, das wiederkehrende Motiv ist auch ein Topos der Moderne. Trotzdem sind Philips Wouwermanns Landschaften mit Pferden oder Paulus Potters Kühe mit den Heuhaufen von Monet oder Cézannes Studien des Mont Saint Victoire nicht zu vergleichen. Die Erforschung künstlerischer Mittel, später das eigentliche Motiv, nimmt in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts mit dieser Form der Arbeitsteilung jedoch ihren Anfang. Zu den spannendsten Kapiteln der sehenswerten Schau zählen die Untersuchungen zu Hendrick Uylenburgh und Johannes de Renialme, zwei Kunsthändlern.

Aus Rembrandts Skizzen. Ausschnitt aus den "Sechs Kopfstudien" von 1636.
Aus Rembrandts Skizzen. Ausschnitt aus den "Sechs Kopfstudien" von 1636

Hatte Uylenburgh, dessen Werkstattleiter Rembrandt vier Jahre lang war und dessen Nichte Saskia er später heiratete, noch selbst Malerei gelernt, so kam de Renialme von der Börse. Das Berufsbild des Galeristen etablierte sich gerade erst. Anfänglich sorgte der Künstler noch selbst für den Vertrieb, Produktion und Distribution geschahen in Personalunion. Erst mit der wachsenden Nachfrage begann die Spezialisierung.


Rembrandt ließ sich als einer der Ersten für seinen guten Namen bezahlen

Welche Wege die Vermarktung damals nehmen konnte, mag heute amüsieren. So wurden die Gemälde auf Jahrmärkten feilgeboten, tauchten sie in Lotterien auf. Zugleich etabliert sich eine Form der Preisgestaltung, die bis heute gilt. Rembrandt legte als einer der Ersten darauf Wert, dass die Arbeitszeit allein für ein Werk nicht entscheidend ist. Der Käufer seiner Bilder sollte zahlen – für den Namen und die Klasse. Dass seine Kunst irgendwann einmal nicht mehr erschwinglich sein würde, dürfte er nicht geahnt haben.

Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, Hamburg; bis 7. Januar 2018., Öffnungszeiten: Fr–Mi 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr. Der Katalog kostet 29 Euro



 aus Kultur online, 23.09.2017                                                   Gerard de Lairesse, Schlafende Bacchantin, um 1680–1685
                   
Die Geburt des Kunstmarktes

Das Bucerius Kunst Forum präsentiert vom 23. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 die erste umfassende Themenausstellung zur Geburt des Kunstmarktes im Goldenen Zeitalter der Niederlande. Auf den Spuren von Künstlern wie Rembrandt, Ruisdael, van Goyen und vielen anderen erforscht die Ausstellung, wie gesellschaftliche Veränderungen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts einen neuen Kunstmarkt und eine ganz eigene Kunst hervorgebracht haben. Sie illustriert, wie sich Künstler, Kunsthändler und ihre Werkstätten auf die neue Marktsituation einstellten und warum die Preise auf dem Kunstmarkt von wenigen Gulden bis hin zu Höchstsummen reichten.

Der Handel mit Kunst ist eine Form der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser und somit eine wesentliche Voraussetzung ihres Bestehens. Lange bevor es Museen gab, begann die Diskussion über Kunst auf dem Kunstmarkt und der Geburtsort des Handels mit Kunst waren die Niederlande des sogenannten Goldenen Zeitalters. Kunst wurde zwar auch schon im 16. Jahrhundert, etwa auf dem Antwerpener Markt für Luxusgüter verhandelt, doch wurde dort noch kaum ein Unterschied zwischen freier Kunst und Handwerk gemacht. Die Sonderstellung der Malerei und die Unterscheidung der freien Kunst vom Handwerk sind charakteristische Merkmale des modernen Kunstbegriffs, dessen Ursprünge bis in die Renaissance zurückreichen, der sich jedoch erst im 18. Jahrhundert voll herauskristallisieren sollte. Dennoch spielten diese Merkmale schon eine zentrale Rolle im Goldenen Zeitalter der Niederlande, auch wenn die meisten Maler dem Statusniveau der Handwerker verhaftet blieben: Viele waren in Gilden organisiert, die keinen Unterschied machten zwischen Malern und Anstreichern, da beide mit dem Pinsel arbeiteten.


Jan Weenix

Im 17. Jahrhundert verlor der Adel an Bedeutung und die calvinistisch reformierte Kirche der Niederlande forderte schmucklose Kirchenbauten. Während die traditionellen Hauptauftraggeber also weitestgehend wegfielen, konnte sich ein erstarkendes Bürgertum erstmals Ölbilder leisten. Ein außerordentlich hohes und breit verteiltes Bildungs- und Wohlstandsniveau bot den Nährboden für einen Kunstmarkt, dessen Kommerzialisierung einen größeren Einfluss auf Techniken, Darstellungsformen und Themen der Gemälde haben sollte als die ursprünglichen adeligen und klerikalen Auftraggeber. Die Künstler begannen sich neu zu orientieren und ihre Bilder für einen anonymen Markt zu malen, ohne vorab ihre Käufer und deren Wünsche zu kennen.

Eine typische Neuerung war die Ton-in-Ton-Malerei: Sie verkürzte den Malprozess ohne qualitative Einbußen, und der Maler konnte seine Bilder somit günstiger anbieten. Während der Marinemaler Jan Porcellis als ihr Erfinder vermutet wird, war es der Vielmaler Jan Josephsz. van Goyen, der die Technik zu seinem Markenzeichen machte. Darüber hinaus begannen Künstler, ihre Werke in kleineren, flexibleren Formaten anzubieten. Ein Vorteil, der nicht nur eine schnellere Arbeit und damit günstigere Preise, sondern auch bessere Transportmöglichkeiten mit sich brachte.

Gerard ter Borch Dame die einen Brief siegelt

Die Vorlieben der bürgerlichen Käufer der nördlichen Niederlande wichen von dem in Europa vorherrschenden höfischen Geschmack des Barocks ab. Sie bevorzugten Sujets, die sie verstehen und bezahlen konnten. Bilder mit mythologischen Themen oder teure Historienbilder wurden durch alltäglichere Motive verdrängt. Zusammen mit den Landschaften und Stillleben gelten Genrebilder, realistisch wirkende Darstellungen aus dem Alltag mit anonymen Figuren, als die charakteristischsten Beiträge der Niederländer zur Geschichte der Malerei. Mehr als alle anderen Bildgattungen waren Seestücke mit der Geschichte des Goldenen Zeitalters verbunden, da die Kriegs- und Handelsflotte als entscheidender Machtfaktor der politischen Position der Niederlande galten. Die Jagd als Motiv und Zeitvertreib war dagegen ursprünglich der Aristokratie vorbehalten. Ein Jagdstillleben im bürgerlichen Wohnzimmer war somit sowohl Ersatz als auch Zeichen der Distinktion. Willem van Aelst und Jan Weenix waren erfolgreiche Protagonisten der Spezialisierung zweier Generationen, deren Überschneidung für eine Belebung der Konkurrenz und schärfere Abgrenzung in ihren Motiven sorgte.

Jan Weenix

Durch die Spezialisierung auf einzelne Bildmotive konnten Künstler schneller produzieren und doch ein hohes Qualitätsniveau erreichen. Sie konzentrierten sich auf Nischen im Markt und so wurden bestimmte Themen zu ihrem Markenzeichen, was wiederum den Verkauf beförderte. Bis heute ist der Künstler Jacob van Ruisdael für seine reißenden Bergbäche berühmt, die es in den Niederlanden gar nicht gab. Man erkennt eine Landschaft mit Kühen als Werk des Malers Paulus Potters oder denkt bei Reiterszenen oder Landschaften mit Pferden an die Kunst Philips Wouwermann.

Jacob van Ruisdael, Landschaft mit Wasserfall, um 1660-65-

Auch wenn die Historienmalerei in der breiten Bevölkerung weniger Anklang fand, außer bei leicht zu verstehenden alttestamentarischen Darstellungen, behielt sie an der Spitze des Marktes ihre Bedeutung. Wer sich nicht nur lokal sondern auch international einen Namen machen und hohe Preise erzielen wollte, musste sich am höchsten angesehenen Genre profilieren. Amsterdam galt in den Niederlanden als Zentrum der Historienmalerei. So zeichnet sich das Bild von einem Kunstmarkt mit drei Segmenten ab: einem unteren, in welchem Historienbilder als Massenware mit vorzugsweise alttestamentlichen Geschichten vorherrschten und einem mittleren, in welchem sich die für uns charakteristische holländische Malerei unter den Marktzwängen des sehr besonderen gesellschaftlichen Kontextes einer Mittelschicht herauskristallisierte. 

An der Spitze des Marktes stand wiederum die Historienmalerei im Zentrum des Interesses, hier jedoch als Unterscheidungsmerkmal im Konkurrenzkampf um Reputation. An dieser Spitze standen Künstler wie Rembrandt, Flinck, Bol, Lievens, Backer, die miteinander konkurrierten und mit Kunsthändlern wie Hendrik Uylenburgh oder Johannes de Renialme zusammenarbeiteten, die hohe Preise für ihre Ware verlangten. Der Name Uylenburgh ist vor allem bekannt, weil Rembrandts erste Frau, Saskia, eine geborene Uylenburgh war. Den anderen Händler an der Spitze des Amsterdamer Marktes, Johannes de Renialme, kennt man dagegen noch weniger. Hierzu wird die Ausstellung neue Forschungsergebnisse präsentieren. In einer Zeit, da die meisten Kunsthändler selbst auch Maler waren, scheint de Renialme einer der ersten reinen Kunsthändler gewesen zu sein.


Gerrit Dou, Selbstporträt, um 1645.
 
Rembrandt sticht heraus, weil er sich gegen gängige Marktmechanismen stellte und schon früh weigerte, den finanziellen Wert seiner Gemälde von seiner Arbeitszeit abhängig zu machen. Er verlangte nicht nur damalige Spitzenpreise für seine Werke, sondern investierte eine große Summe in den Kunsthandel Uylenburgh, dessen erster Werkstattleiter er wurde, als er sich im Amsterdamer Sammlermilieu etablieren wollte. Zusammen mit der angeschlossenen Werkstatt konnten Rembrandt und Uylenburgh das oberste Segment des Marktes bedienen und gleichzeitig den Arbeitsprozess rationalisieren. Prinzipiell war diese Kombination von Kunsthandel und Werkstatt nicht viel anders als am unteren Ende des Marktes, nur ging es hier nicht um die Massenproduktion günstiger Historienbilder, sondern um Porträts reicher Bürger. Dazu benötigte Uylenburgh einen Künstler, der zwar schon einen Namen hatte, aber noch nicht zu teuer war. In den knapp vier Jahren seiner Zusammenarbeit mit Uylenburgh malte Rembrandt fast die Hälfte seiner gesamten Porträts.
Am unteren Ende des Marktes hingegen engagierten Kunsthändler unbekannte Maler, kauften die Materialien ein und gaben Themen vor. Dank der Kontrolle aller Preisvektoren konnten sie schnell auf veränderte Nachfragen bei anvisierten Käufergruppen reagieren. Doch verkauften anerkannte Künstler ihre Werke auch selbst und zwar dort, wo sie Auftraggeber und Motive finden konnten – auf Märkten der Gilden, in Kneipen und auf der Straße. Um die enorme Produktion zu kanalisieren und die Nachfrage zu stimulieren, mussten neue Absatzkanäle gefunden werden. 

Samuel van Hoogstraten, Intérieur

Lotterien, Würfelspiele und Schießwettbewerbe spielten eine entscheidende Rolle bei der Popularisierung von Kunst und boten, insbesondere für viel produzierende Künstler wie Cornelis, Weenix oder auch van Goyen, attraktive Absatzmöglichkeiten. Auch Kunsthändler experimentierten mit diesen Vermarktungsmethoden, wobei sie ihre Kunst in Kombination mit Musik, Spielen, Getränken, Essen und Tabak als Pauschalangebot vertrieben. Demgegenüber drehte sich der Wettbewerb am oberen Ende der Skala um die Reputation von Künstlern – eine Reputation allerdings, die nicht mit allgemeiner Bekanntheit verwechselt werden darf: Entscheidend war die Bekanntheit bei Kennern.

Emanuel de Witte, Frau am Cembalo, 1665-1670

Hochkarätige Leihgaben kommen aus international bekannten Museen und Sammlungen, darunter Rijksmuseum Amsterdam; Museum Boijmans Van Beuningen; National Portrait Gallery London; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister; Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie; Hamburger Kunsthalle; Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek; Staatliches Museum Schwerin/Ludwigslust/Güstrow; Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister; The Kremer Collection, Museum der bildenden Künste Leipzig; SØR Rusche Sammlung Oelde / Berlin; National Museum in Warsaw; Liechtenstein. The Princely Collections. Vaduz / Wien und weiteren Museen und Privatsammlungen.

Gerard ter Borch Läusejagd, 1652-53
 

Der Katalog zur Ausstellung mit Beiträgen von den Historikern Michael North, Friso Lammerts und Jaap van der Veen gibt neue aufschlussreiche Einblicke in den Kunstmarkt des Goldenen Zeitalters. Hrsg. von Kathrin Baumstark und Franz Wilhelm Kaiser, ca. 200 Seiten mit farbigen Abbildungen aller ausgestellten Werke, Hirmer Verlag, München, Preis in der Ausstellung EUR 29,–, Buchhandelsausgabe ca. EUR 39,90.

Die Geburt des Kunstmarktes
Rembrandt, Ruisdael, van Goyen und die Künstler des Goldenen Zeitalters
23. September 2017 bis 7. Januar 2018



Nota. - Wundert Sie die Ähnlichkeit der beiden Texte? Machen Sies wie ich: Haltens Sie's für puren Zufall.
JE