Mittwoch, 29. Oktober 2014

"Rotzigkeit": Velázquez in Wien.

aus Der Standard, Wien,


"Alles ist da - der Bursche macht keine Tricks"
Von Diego Velázquez waren nie derart viele Bilder in Wien zu sehen: ein exklusiver Lokalaugenschein noch vor der Eröffnung im KHM mit Maler Martin Schnur. "Eine Jahrhundertausstellung", befindet dieser.

Reportage |

Wien - "Peintre des peintres" - "Maler der Maler", so hat ihn Manet genannt. In einem Brief an Baudelaire rühmt er Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660) sogar als "bedeutendsten Maler aller Zeiten". Die Begeisterung für den spanischen Hofmaler ist aber bis heute nicht abgerissen: Es ist die Stofflichkeit, das schnelle, leichte Hinsetzen der Farbe auf die Leinwand, das auch österreichische Künstler der Gegenwart, etwa Herbert Brandl, zu schätzen wissen

Als "Rotzigkeit" umschreibt der in Wien lebende Maler Martin Schnur Qualitäten wie das Stehenlassen von Skizzenhaftem, das in der Weitsicht trotzdem ein "total reales" Bild ergibt. Er habe den Impressionismus vorweggenommen, befindet auch Schnur, der den 1888 erschienenen Velázquez-Klassiker von Carl Justi seine "Malbibel" nennt: "Das Interesse liegt in der Darstellung des Lichts. Der eigentliche Gegenstand ist das Licht, die Figuren sind nur da um des Lichts willen", gehört zu seinen Lieblingszitaten.

Francisco Pacheco, sein Lehrer und Schwiegervater.

Immer wieder besucht Schnur die dynastischen Porträts des Malheroen im Wiener Kunsthistorischen Museum, findet dort Lösungen und Inspiration. Dort hat der Standard ihn auch während der Hängung der Velázquez-Schau getroffen, damit er genau jenen analytischen Blick auf Werk und Strich wirft, den nur ein malender Kollege werfen kann.

"Unglaublich", "fantastisch", unterbricht er seine Ausführungen immer wieder, während rundum kostbare Leihgaben aus ihren Transportkisten gehoben werden, darunter das gerade mit dem römischen Kurier aus den Kapitolinischen Museen eingetroffene Bildnis eines jungen Mannes, das um 1630 entstanden ist und Velázquez darstellen könnte.

Bildnis eines jungen Mannes, um 1630

Es sei faszinierend, wie sich Velázquez gesteigert hat, denn neben Lob erkennt Schnur sogar Schwächen. "Schau her", sagt er und läuft geradewegs auf das Gemälde Drei Musikanten (ca. 1617-1618), ein aus den Staatlichen Museen zu Berlin angereistes Frühwerk zu. "Wie bemüht das aussieht!" Man merke an der Farbstimmung und der Komposition schon, "der hat was drauf". Auch Brot und Gegenstände wären "ziemlich meisterlich" gemalt, nur beim Lachen, da wirke es noch ein bisschen maskenhaft und hölzern. Der Mensch sei am schwierigsten zu malen, "da verkrampft man sich oft, weil es so überprüfbar ist. Jedes kleine Kind merkt sofort, wenn etwas nicht stimmt."

Drei Musikanten

Auch die Hell-dunkel-Malerei eines Caravaggio, den Velázquez' Lehrer Pacheco verehrt hat, spürt man hier deutlich. Später sei er viel mehr dem Freilicht verpflichtet, so Schnur, "es wird heller, oder sagen wir 'duftiger'." Er sei auch nicht so barock wie Rubens mit seinen "verspielten Formen"; bei Velázquez sei es mehr Realismus: "aber nicht so ein penetranter wie bei Jusepe de Ribera!"

Der Wasserverkäufer von Sevilla

Während Schnur vor dem Wasserverkäufer (ca. 1622) von der Aufteilung der Flächen, dem Rhythmus von strukturierten und ruhigen Flächen und der Steigerung der Lebendigkeit im Gesicht des Bubens schwärmt, kommt kurz Sylvia Ferino, Direktorin der Gemäldegalerie hinzu, die die Ausstellung als "letzten Flash vor ihrer Pensionierung" umschreibt. Tatsächlich ist sie es, die wie der Blitz durch die Säle fegt, denn auf Unvorhergesehenes muss rasch reagiert werden: Die Bilder dürfen nur so hängen, wie es der Kurier gesehen hat. Als die Rokeby Venus aus der Londoner National Gallery platziert wurde, merkte sie, dass die "Tizian-Damen" rundum diese "umbringen" würden.

 Rockeby Venus

"Schauen Sie, welche Würde!", begeistert sie sich über das Antlitz des Wasserverkäufers mit dem zerrissenen Gewand. "Er gehört der niedrigsten sozialen Schicht an, aber der edle Knabe nimmt das gereichte Wasser fast ehrerbietig an. Großartig! Das ist Velázquez' Achtung vor den Menschen!"

Ein Gegengeschäft

Auch den Hofnarr Juan de Calabazas (um 1638) hat sie "wegen dieser unglaublichen menschlichen Tiefe" ausgesucht. Das zeichne Velázquez aus: nicht auf die große Geste, sondern das essenziell Menschliche ausgerichtet zu sein. Das Bild von Calabacillas ist eines von sieben Leihgaben aus dem Prado. Ein Gegengeschäft. Denn begonnen hat diese "Jahrhundertausstellung" (Schnur) - die erste überhaupt im deutschsprachigen Raum - mit einer Leihanfrage des Madrider Museums 2012. "Das war eine Sternstunde für mich, als ich sagte 'Wir geben Euch alle späten Velázquez, wenn wir dafür andere bekommen'."

Hofnarr Juan de Calabazas

Was Schnur beeindruckt, ist das Weglassen, nicht Ausmodellieren, das Stehenlassen nicht-geglückter Striche neben korrigierten - obwohl Restauratoren sagen, diese wären nur aufgrund dünner werdende Malschichten sichtbar. "Er verzichtet sogar aufs Malen der Zehen!" lacht Schnur vor der Schmiede des Vulkan auf. "Ich Trottel hätte ihnen Zehen gemalt." Und: "Aber es ist alles da, es fehlt nichts", fasst er Velázquez auf Fernwirkung bedachte Malweise zusammen. "Ich will nicht sagen Tricks, denn der Bursche macht keine Tricks." Maler Anton Raphael Mengs habe über ihn gesagt: "Die Hand scheint an seiner Ausführung keinen Anteil gehabt zu haben, sondern der bloße Wille."

Apoll in der Schmiede Vulkans (Ich erkenne Zehen.)

Spannend ist für Schnur an diesem Bild aber auch, wie er das Fenster als blaue Fläche in den Raum hineinschneidet - ein Motiv, das auch bei ihm, dem Fragen zu Licht und Raum wichtig sind, immer wieder auftaucht. Es sind kleine Dinge und Details wie die Teppichornamente mit den vielen verschiedenen Rottönen, aus denen Schnur Anregungen zu eigenen Bildern zieht. "Velázquez ist ja nie zum Malen gekommen, weil er so viel Hof-Krempel machen musste: Feste, Jagden, alles nur Dekor! Er hat ja gar nicht mal so ein riesiges Oeuvre", empört sich einer, der Ablenkungen von der eigenen Passion wohl ebenso wenig schätzt.

An Leidenschaft für die Malkunst mangelte es Velázquez nicht. Allerdings galt die Malerei damals, anders als die Poesie, noch als Handwerk. Und so galt es, der Kunst über einen Umweg mehr Ansehen zu verschaffen: Er macht sich bei Hof so verdient, bis er zum Ritter ernannt wird. Das Problem: Der spanische Adel darf überhaupt keiner händischen Tätigkeit nachgehen. Letztlich half der Papst aus dem Dilemma und argumentierte für die Poesie von Velázquez Arbeit.

28.10. bis 15.2.2015



aus Der Standard, 29. 10. 2014

Porträtist der Habsburger Goscherln
Bereits mit 24 Jahren trat der Maler in den Dienst des Königs - Im 17. Jahrhundert galt die Malerei in Spanien noch als Handwerk und nicht als Kunst

von Anne Katrin Feßler

War Velázquez ein Workaholic? Einer jener abwesenden Väter, die erst zur Schlafenszeit der Kinder heimkommen? Vielleicht. Jedenfalls ist es ein nettes Detail, dass man den "Maler der Maler" auf jenem im Kunsthistorischen Museum (KHM) befindlichen Gemälde, das seine Familie zeigt, nur ganz hinten an der Staffelei malend stehen sieht. Aber so, wie man das Bild (die erste Variation auf das berühmte Las Meninas) lange Zeit für einen echten Velázquez gehalten hatte – und irrte –, könnte es sich genauso gut um seinen Schüler und Schwiegersohn Juan Bautista Martínez del Mazo handeln.

Juan Bautista Martínez del Mazo, Die Familie des Künstlers
    Wenn es um den Menschen hinter den Bildern geht, wird es bei Diego Rodríguez de Silva y Velázquez, 1599 in Sevilla geboren, vage. Warum, das erklärt sich etwa durch den Umstand, dass die Malerei in Spanien damals als Handwerk und nicht als Kunst galt. Zwar war Velázquez hochgeschätzter Hofmaler in Madrid, und Philipp IV. soll seinem Angestellten auf Augenhöhe begegnet sein, aber damit erschöpfte sich die Berühmtheit. Seine dynastischen Porträts waren in Wien unter "Hofmaler des spanischen Königs" registriert; erst 1772 taucht sein Name in einem Wiener Inventar auf.

    Las meninas: die Infantin Margarita

    Ausgewirkt hat sich aber auch der Umstand, dass Velázquez selbst kaum zur Schreibfeder gegriffen hat. Von ihm existiere kaum mehr Geschriebenes "als die paar Signaturen seiner Ölgemälde", notierte Kunsthistoriker Carl Justi 1905 und dichtete daher in Vertretung Velázquez’ "römisches Tagebuch".

    Las meninas: das Königspaar (hinten im Spiegel)

    Viele Autoren rieten: Befragt seine Bilder! Dort erkennt man in der psychologischen Tiefe und immensen Würde, die er Angehörigen selbst des niedrigen Standes (Wasserverkäufer von Sevilla) verlieh, den Menschenfreund ("Immer auf das essenziell menschliche ausgerichtet", so Kuratorin Sylvia Ferino, KHM), aber auch Hundeversessenen: Nicht nur einmal hat er die treuen Tiere wie lebendig dargestellt. Neben dem großen, dösender Hund in Las Meninas ist auch im Bildnis des niedlichen, aber bereits vor seinem vierten Geburtstag verstorbenen Infanten Felipe Prospero ein weißes Hündchen herzerweckend dargestellt. Es heißt, für den Vierbeiner habe Velázquez "große Zuneigung" empfunden.

    Der Infant Felipe Prospero

    Nun zu den Fakten: Schon als Zehnjähriger begann Velázquez eine Lehre bei Maler Francisco Herrera, die er 1610 bei Francisco Pacheco, dessen Tochter er 1618 heiratete, fortsetzte. Mit Juana hatte er zwei Töchter: Die jüngere starb als Kleinkind, die ältere – Francisca – heiratete seinen Schüler del Mazo, verschied aber ebenfalls früh, nach der Geburt ihres vierten Kindes.

    Bereits 24-jährig trat Velázquez in den Dienst des Königs, bekam ein monatliches Gehalt, genoss Vorzüge wie eine mietfreie Wohnung im Palast und kostenlose ärztliche Behandlung. Zwei jeweils zweijährige Italien-(Studien-)Reisen des italophilen Tizian-Fans finanzierte der König. Versüßt hat sie ihm auch eine römische Geliebte, die nicht nur Modell für die Rokeby-Venus gewesen sein soll, sondern ihm auch einen Sohn schenkte.

    Triumph des Bacchus

    Neben dem Ausrichten von allerlei Hofzeremoniell, dem Ins-beste-Licht-Setzen der "Habsburger-Goscherln", war er darauf erpicht, in den Adelsstand erhoben zu werden. Ein Jahr, bevor er 1666 an plötzlichem Fieber starb, wurde Velázquez zum Ritter des Santiago-Ordens ernannt. Da dem Adel jede händische, weil unedle Tätigkeit versagt war, mussten davor 100 Zeugen bestätigen, dass Velázquez nie um des Geldes willen gemalt habe, sondern lediglich um dem König eine Freude zu bereiten. So war zwar Velázquez nobilitiert, die Malerei - um deren Ansehen es ihm zeitlebens gegangen war - jedoch noch immer nicht.

    Las meninas

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