Sonntag, 11. September 2016

Die Uffizien zu Gast in Salzburg.

aus Die Presse, Wien, 12. 8. 2016                                                                          Rubens, Bildnis seiner Tochter

Alte Meister auf Sommerfrische
In Linz und Salzburg sind zwei großartige kunsthistorische Ausstellungen über Menschen und ihre Repräsentation zu sehen: Medici-Porträts aus den Uffizien sowie Götter, Heilige, Sterbliche aus der Sammlung Liechtenstein.

Von Almuth Spiegler

Es ist ja nicht so, dass man jeden Tag die Meisterwerke aus der liechtensteinischen Sammlung sehen kann, seit 2012 jedenfalls nicht mehr. Seit damals ist der Besucherbetrieb im Wiener Gartenpalais stark eingeschränkt, zweimal pro Monat, nur nach Voranmeldung, gibt es Führungen. Jetzt durften einige der Schätze sozusagen in die Sommerfrische, nach Salzburg, in die alte Residenzgalerie, eingegliedert in das neue Domquartier. Hier hat Johann Kräftner, Kurator der Fürstlichen Sammlung, eine opulente Überblicksausstellung zum Thema „Menschenbilder Götterwelten“ gehängt, also quer durch das kunsthistorische Gemüsebeet. Mit einem diffizilen theoretischen Überbau ist man hier nicht konfrontiert. Mit der Repräsentation der Repräsentation kann man sich aber zumindest selbst eine Metaebene schaffen.


Cristofano Allori Judith mit dem Haupt des Holofernes 1613

In prächtigem Rahmen (der ehemaligen Erzbischofsresidenz) und in prächtigen Rahmen (die Liechtenstein-Sammlung legt Wert auf originalgetreue Rahmung) kann man in zehn Räumen rund 70 Gemälde abschreiten, unter denen sich nicht nur Highlights der Liechtenstein-Sammlung befinden. Sondern auch Leihgaben der anderen Partner des losen Konglomerats der Private Art Collections, der Fürstlich Schwarzenberg'schen Kunststiftung, der Hohenbuchau Collection sowie der Residenzgalerie Salzburg selbst und der Gemäldegalerie der Wiener Akademie der bildenden Künste.


Rubens, Die drei Grazien

Rubens-Orgie der nackten Leiber

Das Ganze ist chronologisch geordnet und beginnt mit noch recht züchtigen Andachtsbildern aus der Renaissance, um dann immer körperlicher zu werden und schließlich im großen Saal in einer Rubens-Orgie zu kulminieren, in der die wuchtigen nackten Leiber sich nur so durch die Bilddiagonalen schieben. Von Christi Leichnam zu Ganymed zum Raub der Sabinerinnen


Rubens, Ganymed

Mit Hendrick Bloemaerts seltsam biederen Samson und Delilah schwenkt die Ausstellung in das Sterbliche, zu Frans Hals' dunklem Porträt eines alten Mannes, das vom KHM an die Rothschild-Erben restituiert wurde. Und in das Bürgerliche, zu auffällig vielen entzückenden Kinderporträts. Geendet wird mit einem reizenden Kabinett voller Biedermeier-Porträts, zum Teil neu erworben wie die Rückenansicht eines Mädchens im Spielzimmer, „Das erste Konzert“ von Josef Danhauser und Josef Amerlings „Junges Mädchen“, das träumerisch seinen Kopf auf den Arm bettet.


Quentin Massys, Die Steuereintreiber (oder Die Geldverleiher)


Der Sprung von hier zu den dramatisch inszenierten Bronzen aus der Liechtenstein-Sammlung im Nordoratorium des Doms ist heftig. Aber auch ein perfektes Sprungbrett nach Linz, wo eine Medici-Ausstellung aus den Florentiner Uffizien gastiert, die man gern auch in Wien gesehen hätte. Aber ist ja nicht so weit. Jedenfalls war das Faible von Fürst Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein für antike Skulptur derart ausgeprägt, dass er um 1700 den Bronzebildhauer Massimiliano Soldani-Benzi mit Kopien aus der Sammlung der Medici, die in den Uffizien untergebracht war, beauftragte.


Soldani-Benzi, Bacchus nach Michelangelo

Diese hatte Francesco I. de' Medici in den 1570er-Jahren zur Kunstgalerie umbauen lassen. Er war verheiratet mit der unglücklichen Johanna von Österreich, die er 1565 in dem teuersten, zwei Monate lang dauernden Hochzeitsfest der Renaissance ehelichte. Aber nie lieben lernte, sie starb nach acht Geburten 1578 im Kindbett. Um die Zeit von ihr und ihrer Nachnachfolgerin als toskanische Herzogin, ebenfalls eine habsburgische Erzherzogin, die feministisch-bigotte Maria Magdalena, dreht sich die wirklich prächtig inszenierte Schau im dunklen Bauch des Linzer Schlossbergs mit rund 80 Leihgaben aus den Uffizien.

Die Fürstin als Maria Magdalena

Beginnen wir am Ende, mit den Bildern, die die Frau von Cosimo II. de' Medici, besagte Maria Magdalena, gesammelt hat. Sie hatte sichtbar eine Närrin an ihrer Namenspatronin gefressen, ließ sich von Malern selbst in der Rolle der Heiligen Büßerin porträtieren. Oder kaufte eine Maria Magdalena mit den Zügen der Malerin, Artemisia Gentileschi. Nach dem Tod des Gatten kämpfte Maria Magdalena um ihre Anerkennung als Regentin, dafür ließ sie die Villa Poggio Imperiale zum Palast umbauen und ihn mit Fresken mit Taten historischer Heldinnen ausstatten. Lucrezia etwa. Nur lasziv oder nackt durften sie nicht sein.


 Giovanni Bizzelli, Johanna von Österreich 

Mit der Moral hatte es der Gatte ihrer unglücklichen Vorfahrin nicht so, Francesco I. blieb zwar treu, allerdings nicht seiner Ehefrau, sondern seiner Geliebten Bianca, die er nach dem Tod von Johanna auch heiratete. Man sieht Johanna, die Schwester des Kaisers Maximilian II., als steifes Porträt von Giovanni Bizzelli 1586 mit dem blassen Söhnchen an ihrer Seite, der im Alter von fünf gestorben ist. Eine traurige Geschichte. Das wie eine Collage entstandene Dreierporträt von Maria Magdalena mit ihrem Ehemann in der Mitte und Sohn Ferdinando II., ebenfalls einem weisen Regenten, ist das Gegenstück dazu. Eine tolle Geschichte. Eine tolle Ausstellung.

„Menschenbilder und Götterwelten“, bis 16. 10., Domquartier Salzburg; 
Österreichische Erzherzoginnen am Hof der Medici, bis 4. September, Schlossmuseum Linz.


van Dyck, Der hl. Hieronymus

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