Samstag, 11. November 2017

Minoisches Kunstwerk auf einem Sandkorn.

aus scinexx

Minoer-Siegel verblüfft Archäologen
Fund in mykenischem Grab wirft neues Licht auf Kunst der Minoer

Einzigartiger Fund: Im Grab eines mykenischen Kriegers haben Archäologen eines der beeindruckendsten Kunstwerke der Bronzezeit entdeckt. Es handelt sich um ein 3,6 Zentimeter großes Steinsiegel, in das eine verblüffend detailgetreue Kampfszene eingraviert ist. Der Stil des Reliefs spricht dafür, dass das 3.500 Jahre alte Fundstück ursprünglich aus dem Reich der Minoer stammt – und wirft daher ein ganz neues Licht auf ihre künstlerischen Fähigkeiten. 

Die Minoer waren die erste Hochkultur Europas: Von Kreta aus dominierten sie jahrhundertelang das Mittelmeer, bis ihr Reich um 1450 vor Christus in sich zusammenfiel. Die Ursachen für diesen Niedergang der Minoer sind bis heute nur in Teilen bekannt. Klar ist nur, dass eine weitere Macht im östlichen Mittelmeer, die Mykener, von dem dadurch entstehenden Machtvakuum profitierten.

Grab eines mykenischen Kriegers

Wie eng beide Kulturen zusammenhingen, hat vor zwei Jahren ein sensationeller Fund in Pylos im Südwesten des griechischen Peleponnes demonstriert. Archäologen entdeckten dort das 3.500 Jahre alte, intakte Grab eines mykenischen Kriegers oder Priesters mit einer spektakulären Menge an kostbaren Grabbeigaben. Laut griechischem Kulturministerium handelt es sich dabei um den bedeutendsten Fund der letzten 65 Jahre in Griechenland.

Unter den gut 3.000 Fundstücken waren unter anderem vier goldenen Siegelringe, silberne Trinkbecher, Edelsteine und ein reich verziertes Schwert. Bei näherer Untersuchung erwiesen sich die Goldringe jedoch nicht als mykenische Kunst, sondern als Werk minoischer Goldschmiede. Auch andere Grabbeigaben waren minoischen Ursprungs und zeugen von den engen Verbindungen der beiden Kulturen in der Zeit des Machtwechsels.
In den Stein eingraviert ist eine detailreiche Kampfszene mit drei Kriegern

Steinsiegel mit verblüffend detailreicher Kampfszene

Jetzt jedoch haben die Archäologen das womöglich kostbarste Relikt dieses Bronzezeit-Grabes entdeckt. Als sie in mühevoller Kleinarbeit ein stark mit Kalkablagerungen verkrustetes Objekt von seiner Hülle befreiten, entpuppte sich dieses als ein kunstvoll verziertes Steinsiegel. Auf dem nur 3,6 Zentimeter langen, ovalen Siegel ist der Kampf eines Kriegers gegen zwei Feinde erstaunlich lebensecht und detailreich eingraviert.

"Als wir das erste Mal dieses Bild erblickten, waren wir zutiefst bewegt – es ist ein echtes Meisterwerk", erklärt Shari Stocker von der University of Cincinnati. "Die Darstellung der menschlichen Körper und der Muskulatur ist so detailliert, wie es sich erst wieder 1.000 Jahre später in der klassischen Periode der griechischen Kunst findet. Das ist ein spektakulärer Fund."

"Meisterwerk der Bronzezeit"

Spektakulär ist auch die Kunstfertigkeit, mit der die Miniatur-Kampfszene in den Stein graviert wurde: "Einige der Details sind nur einen halben Millimeter groß", berichtet Stockers Kollege Jack Davis. "Sie sind wirklich unvorstellbare klein." Die Verzierungen der Waffen, der Schmuck und die Gewänder der Kämpfer seien nur mit Lupe oder sogar Mikroskop genau zu erkennen.

Erst die Vergrößerung enthüllt, wie erstaunlich lebensecht der Künstler beispielsweise die Muskeln darstellte.

Nach Ansicht der Archäologen ist dieses Siegel eines der herausragendsten Werke griechischer Kunst, die je entdeckt worden sind - und der kunstfertigste Fund aus der ägäischen Bronzezeit. Kein anderes Kunstwerk aus der Zeit der Minoer und Mykener komme auch nur ansatzweise an die handwerkliche und künstlerische Perfektion dieses Siegel heran, so die Forscher. "Dieses Siegel wird unsere Sicht auf die prähistorische Kunst verändern", sagt Stocker.

Neues Licht auf die Kunst der Minoer

Interessanterweise ist das Bronzezeit- Siegel jedoch keine mykenische Arbeit, sondern stammt aus dem Reich der Minoer – ähnlich wie viele andere Funde aus dem Grab dieses mykenischen Kriegers. "Dieser Fund demonstriert, dass die Minoer damals Kunst eines Niveaus erschufen, das ihnen bisher keiner zugetraut hätte", sagt Davis. "Ihre Fähigkeit, Bewegungen und die menschliche Anatomie darzustellen, ging offenbar weit über das bisher Vorstellbare hinaus."

In die Hände des mykenischen Kriegers gelangte das Siegel vermutlich unmittelbar nach dem Untergang des Minoer-Reiches. Schon länger vermuten Historiker, dass die Mykener sich bei der Eroberung minoischer Stätten auch bei den Reichtümern und Kunstschätzen ihrer Vorgänger bedienten. "Dieses Siegel muss damals ein sehr wertvoller Besitz gewesen und bestätigt damit, dass dieser Krieger eine wichtige Rolle in der mykenischen Gesellschaft gespielt haben muss", sagt Stocker.

(University of Cincinnati, 07.11.2017 - NPO)

 
Nota. - Von einem indischen Minitaurenmaler der Mogulzeit geht die Legende, er habe ein ganze Reiterschlacht auf einem Sankorn darstellen können. Die indische Buchmalerei hatte ein Tradition von einigen hundert Jahren, viele ihrer Werke sind bis heute erhalten. Man darf auch annehmen, dass die Maler schon über optische Hilfsmittel verfügten.

Nichts davon trifft auf die Minoer zu. Dieser Stein ist singulär. Das kann er nicht lange bleiben, sollte man meinen. Diese Meisterschaft der Ausführung kann nicht einer allein erfúnden haben. Dass man aber nichts dergleichen bisher gefunden hat, ist wirklich ein Mysterium.

PS. Und siehe da - kaum hatte ich das geschrieben und suchte im Internet nach anderen Abbildungen, da fand ich schon auf Wikipedia: Es ist gar nicht solitär! Dieses Siegel hier ist längst bekannt; es ist 2,4 cm groß. Und es gibt noch mehr davon:
Siegel mit Eberjagd, linsenförmig, rot-gelb gefleckter Jaspis, Durchmesser ca. 2,4 cm, um 1500 v. Chr., aus einem Grab bei Pylos

Richtig ist nur, dass das neu gefundene Stück noch etwas feiner gearbeitet ist. Dass man sich auch auf scinexx nicht verlassen kann, betrübt mich sehr.
JE


 

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