Kitsch.

E. L. Kirchner, Davos

 

Kunst entzweit den Menschen.

Jerzy Sawluk, pixelio.de
Kunst entzweit den Menschen.
Schiller 
Kitsch lässt ihn ganz bei sich sein – und sich darin gefallen.

Vor dem Beginn der Moderne in der Romantik gab es keinen Unterschied von Kunst und Kitsch. Es gab lediglich gelungene und weniger gelungene Werke; gelungen nach der aufgewandten Kunstfertigkeit und gelungen nach dem darin waltenden Geschmack. Der Geschmack mochte mehr oder weniger gebildet sein – doch allein danach ließ sich ein guter von einem schlechten Geschmack unterscheiden.

Erst als die Menschen, nämlich die modernen Menschen ihre Entzweiung mit sich als ihre aufgegebene Bestimmung zu er-achten begannen, konnten die Werke nach aufreizenden und nach versöhnenden unterschieden werden.

Der mit sich entzweite Mensch ist der reflektierende Mensch – das mit freiem Willen begabte souveräne bürgerliche Subjekt, das sich einer ganzen Welt gegenüber gestellt sieht; ohne zu wissen, was es dort verloren hat. Wer immer von den Zumutungen einer entzweiten Existenz Entspannung sucht, wird zu den versöhnenden Werken der Künstler greifen. Wann immer einer daraus einen Habitus werden lässt, kommt ein Kitschmensch zur Welt.

Nicht zuviel Schönheit macht den Unterschied. Sondern es gibt eine Schönheit, bei der einem nur wohl ist; und eine Schönheit, die einen außer sich bringt, und das kann auch eine Dvorak-Symphonie und auch ein Sonnenuntergang. 

PS. Schillers Unterscheidung zwischen anspannender und schmelzender Schönheit bedeutet etwas anderes; aber vielleicht nicht etwas ganz anderes?

September 26, 2010  








Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung.

  

Da ist Schiller eine geniale Formulierung geglückt. Nicht dass damit das Rätsel gelöst wäre; aber es ist erschöpfend umschrieben: Schön ist das Ding, das erscheint, als ob und wie es an sich selber wäre, ohne Rücksicht auf etwas außer ihm.

 'An sich' ist keine positive Bestimmung, sondern eine negative – das, was übrig bleibt, wenn man Etwas ohne irgendein Verhältnis zu etwas anderem vorstellt. Namentlich ohne das Verhältnis eines betrachtenden Subjekts. Also ohne alle Attribute, die ein Subjekt ihm aus eigenem Vermögen zuschreiben könnte. In den Verhältnissen der Dinge zu anderem ist ihr Wie bezeichnet. Ohne diese bleibt allein ein Was.

Ein Ding, das kein Verhältnis zu einem Subjekt hat, 'kommt nicht vor'. Es kann lediglich in der Reflexion gedacht werden, indem ich mir alle Bestimmungen=Relationen, die ich von ihm weiß, von ihm wegdenke. Das Schöne kann also keine Naturgegebenheit des Menschengemüts sein. Es ist eine in die Anschauung nachträglich hineingetragene Reflexionsbe- stimmung. Und das ist das Mysterium: Die Reflexion tritt in die Anschauung ein. Das geschieht im Geist und seinen Konfigurationen und nicht durch die Affizierung der Sinne.   



Die ersten archäologisch dokumentierten Zeugnisse ästhetischer Aufmerksamkeit des Menschen sind einfache farbige Verzierungen auf Töpfergut. Sie entsprechen keinem materialen oder – wie die Höhlenmalereien – magischen Zweck. Sie sind "um ihrer selbst willen" da. Es bedarf eines gewaltigen kulturgeschichtlichen Vorlaufs, ehe zwischen der praktischen Nützlichkeit eines Dings und einem 'Um seiner selbst willen' unterschieden werden kann. Soweit unterschieden jedenfalls, dass es zum Anlass für eigene Tätigkeit wurde. Vorgestellt werden musste die Unterscheidung deswegen noch nicht.

Der Übergang von den einzelnen Zieraten, die gefallen, zu einer Idee 'des Schönen' selbst geschieht nicht gleitend und ganz von selbst; es war ein Sprung. Die Spuren erkennt man noch an den umständlichen Windungen in Platos Dialogen. Geläufig wurde die Vorstellung, es gäbe Schönheit nicht nur an den Dingen, sondern über ihnen als ihr Maß und ihre Bestimmung, erst in der Renaissance. Heute ist sie ein Volksvorurteil, wie auch der Glaube an die Existenz der Dinge an sich. 

*

Frei in seiner Erscheinung ist das Ding, wenn an ihm menschliche Zweckbestimmung nicht mehr erkennbar ist. Und schon gar nicht die Arbeit, die jenen Zwecken diente. Nichts Forciertes, dem man die Anstrengung der zweckmäßigen Tätigkeit ansieht, ist schön. Es kann staunen machen, wie die Darbietungen der Akrobaten unterm Zirkuszelt oder die gezierten Posen des klassischen Balletts. Die schwere Arbeit merkt man ihnen an, und wenn sie noch so geschmeidig antrainiert sind; nicht zu reden vom Koloratursopran. Das erscheint nicht frei, sondern fleißig geübt. 

Das unterscheidet auch – material, wenn ich so sagen darf – den Kitsch von der Kunst. Der Kitsch wäre schön, wenn man ihm nicht ansähe, wie angestrengt seine Schönheit gewollt wurde; das macht ihn vielmehr lächerlich. Allerdings sieht es ihm nicht jeder an, und daher liegt der Streit über Kitsch und Kunst in der Natur der Sache. 

*  

Das ist nicht zu verwechseln mit der Unterscheidung zwischen Künstlichem und Natürlichem. Das Natürliche ist dann schön, wenn es so aussieht, als sei es von einer schöpferischen Absicht, das heißt: mit Kunst erschaffen worden. Und zugleich war das Künstliche nur dann schön, wenn es 'wie Natur' aussah – jedenfalls seit der Renaissance; und bis ins späte Rokoko, bis in Kants Zeiten. Ab da konnte man an einem Kunstwerk, wie etwa der Musik Bachs, die "zu große Kunst", nämlich Künstlichkeit bemängeln. 

Natur ist hier (natürlich) in einem unwissenschaftlichen, emphatischen Sinn aufgefasst – als Schöpfung, als erstes und endgültiges, alles Einzelne übergreifendes und relativierendes Gesamtkunstwerk.

Hervorgegangen sehr wohl aus der Absicht eines Schöpfers; die man dem Werk aber nicht ansehen kann, weil sie notorisch unergründlich ist. Was darüber hinaus geht und als menschliche Zutat kenntlich ist, gewinnt einen Zug des Lästerlichen und Lächerlichen. Seit der Romantik mag sich der Geschmack indes am Unergründlichen nicht mehr beruhigen und seinen Frieden finden; es provoziert und wird zum Rätsel. Zu Kunst wird ein Werk, sobald es an dem Rätsel Teil zu haben scheint. 

*

Es ist schließlich nicht zu übersehen, dass dem Gedanken der Freiheit in der Erscheinung die letzten Endes animistische Vorstellung von den Entelechien zu Grunde liegt, die wie eine Seele den Dingen innewohnen und sie dazu treiben, genau so zu erscheinen, wie sie eben erscheinen 'sollen'. Das ist eine uralte, noch aus unserer steinzeitlichen Vergangenheit als Jäger und Sammler stammende Vorstellung.

Aber eben eine Vorstellung und keine Anschauung. Ein Bild, kein Abbild. Es ist ganz irreführend, allein wegen der Etymologie das Ästhetische als eine Angelegenheit der bloßen Sinnesreize einem 'unteren' Erkenntnisvermögen zuzuordnen. Es beruht vielmehr auf einer Leistung – einer Meister-Leistung – der menschlichen Einbildungskraft: der Ein-Bildung, dass den Erscheinungen ein Wesen, den Dingen eine Bedeutung zukomme. Das Ästhetische ist der Elementarakt, in dem die Vernunft 'sich selbst setzt'. Freiheit in der Erscheinung ist die zur Anschauung gelangte Idee von einer erfüllten Bestimmung. Schönheit ist das Urbild des Vollkommenen.

•Mai 19, 2010





Nota.Das obige Foto gehört mit nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

 

Ist es Kitsch?

Hermann Herzog  Florida, Westküste 1880er Jahre

Die Effekte wirken nicht wesentlich übertrieben, amerikanische Landschaften bieten solche Beleuchtungen, das wissen wir von andern Gemälden, Fotografien und Filmen. Die Frage ist, ob man es auch malen muss, und wenn, warum so? 

Wie Sie die Frage nach dem Kitsch beantworten, hängt auch davon ab, in welchem Zusammenhang Sie das Bild sehen. Sahen Sie vorher einen röhrenden Hirsch in Öl aus einem deutschen Versandkaufhaus der 60er Jahre, wird Ihnen das Bild erfrischend schlicht und sachlich vorkommen. Sahen Sie gerade eine Landschaft von Egon Schiele, werden Sie vielleicht die Augenbrauen hochziehen. 

Und natürlich fragt man nach dem Zusammenhang mit seinen übrigen Bildern. Da sage ich Ihnen, er ist 1832 in Bremen geboren, hat an der Düsseldorfer Akademie studiert und Stunden bei Andreas Achenbach genommen, ist dann nach Amerika gegangen und wurde dort der Hudson River Schule zugerechnet.

'Ach so, na dann...'

Mit andern Worten: Im Vergleich zu jenen andern malt er wirklich zurückhaltend, mit kühlem Kopf und ruhiger Hand..

Gestorben ist er übrigens erst 1932 - den Ausbruch der Modernen Kunst hat er noch erlebt.

 

 

Das Bild zeigt mehr, als darauf zu sehen ist.

 
Rembrandt, Mutter liest in der Bibel                                                                                                                                  aus Rohentwurf

a) Das Mehr, das das Bild 'zeigt', heißt [bei B. Croce] Ausdruck; nämlich sofern das 'Bild' auf seinen 'überschießenden' Bedeutungsgehalt nicht 'verweist' wie ein Zeichen, das für ein Anderes einsteht; sondern "es stellt ihn selber dar". Er ist "auf unsichtbare Art sichtbar".* Aber nur so ist es überhaupt sichtbar, als "Rätsel". [Was auf verschiedene Weisen, d. h. wiederholbar dargestellt wurde, ist ipso facto bestimmt. Das ‚Zeichen’ ist darum ein solches, weil es mehrere Individuis be/zeichnen kann. Das ästhetische 'Bild' (welches "mehr zeigt") ist aber nicht ein Bild, sondern dieses Bild.] 

[Nota. Adolf Portmann formuliert in der Biologie einen Gegensatz von Ausdrucks- und Erhaltungsprinzip.]

b) Die sogenannte Ausdruckskunst steht dazu im Gegensatz. Dort ist das 'Gemeinte' tatsächlich ein anderes als das Bild, das für es einsteht, und könnte, wenn man wollte, auch in ein andern Medium "gezeigt" werden; welches Medium gewählt wird, ist willkürlich - und darum ist Ausdruckskunst Kitsch:** sie könnte auch unterbleiben, aber sie wurde bezweckt: Man merkt die Absicht und man ist verstimmt; die Ausdruckskunst drückt hauptsächlich die Absicht aus, Eindruck zu machen.

[Bei B. Croce ist 'Schönheit' der ("gelungene") 'Ausdruck' einer 'Intuition'... Sprache ist darum eo ipso "Kunst"; wenn auch in minderer oder größerer "Quantität"...]
 


* ) Mystik von gr. myein - mit geschlossenen Augen sehen. [Nachtrag 10.9.14)
**) in aller Regel; es sei denn, es kommt noch was hinzu, was unbezweckt "mit unterlaufen" ist und ihm darum eine authentisch ästhetische Qualität gibt. - Ob Kitsch oder nicht, ist darum "auch" eine Bildungsfrage, weil der ästhetisch Erfahrene eher merkt, ob ein Ausdrucksmittel willkürlich gewählt wurde - weil er es schon anderswo gesehen hat, oder weil er denselben 'Gehalt' schon in anderer Darstellung (womöglich in diskursiver) kennen gelernt hat. Was er als faulen Trick durchschaut, kommt dem ästhetisch Unerfahrenen authentisch vor. Der Autor wußte vielleicht selber nicht, daß es ein fauler Trick war. Das nennt man dann nicht Kitsch, sondern "naive Kunst". (Die industriell gefertigt "naive" Kunst aus Kroatien ist (war) darum Kitsch; denn sie tun's - taten's - ja, weil sie's wußten.)

 

 

Kurze Geschichte des Schönen.

aus Über das ÄsthetischeZwischenbericht.
aus Anatolien, 3000-2500 v. Chr.

In der vor- und frühgeschichtlichen 'Kunst' scheint eben die Darstellung des Rätselhaften im Vordergrund zu stehen; wie in aller animistischen und noch der magischen Kultur. Die spezifisch religiöse Kunst stellt dagegen das Rätselhafte (das Numi-nose) so dar, als ob es gelöst und in die eindeutig bestimmte Welt integriert, entschärft und befriedet wäre: Schönheit ist die Anverwandlung des Befremdlichen an das Vertraute – 'gefaßt', gebannt in Harmonie, Güte, Vorhersehbarkeit. Durch Schönheit wird das Fremde unanstößig und positiv. Sie ist Ausweis universeller Gültigkeit; einer höheren Gültigkeit gar als das Vertraute (=Gewöhnliche) selbst! Das Schöne symbolisiert die immanente Sinnhaftigkeit der Welt. (Solange das Schöne Paradigma der Kunst bleibt, weichen 'die Geschmäcker' im Detail von einander ab, insgesamt sind sie kulturell gebunden: Herrschaft des 'Stils'.)*

Courbet, Felsen bei Trouville

Mit der Renaissance emanzipiert sich das Schöne von seiner religiösen Prämisse und wird selber "bedeutend": als Maßstab der Welt! Kunst in einer distinkten Bedeutung, als eine autonome Praxis des Schönen ohne kultische oder haushälterische Zwecke, 'gibt es' überhaupt erst seither. In der Romantik emanzipiert sich das Ästhetische von der Vorherrschaft des "Schönen". Und das Rätselhafte drängt sich wieder vor das Schöne, aber diesmal als es selbst. Mit der Romantik wird das Bemühen aufgegeben, die Rätselhaftigkeit der Welt in einem immanenten Sinn 'aufzulösen'. [Sic! Denn gerade je gewaltsamer, künstlicher dieser Versuch öffentlich vorgetragen wird, z. B. Friedrich, umso polemischer richtet er sich gegen das Wirkliche.] In der bürger-lichen Gesellschaft wird der Zwiespalt der Welt (die Sinn-Losigkeit des Gegebenen) selber zum vertraut-Selbstverständlichen und verzichtet auf jede gefällige Entschärfung. Die Voraussetzung: Bildung! 

Blechen, Wolkenstudie
  
(Es gibt aber weiterhin eine Kunst, die auf solche Entschärfung nicht verzichten mag – für Leute, die mangels Bildung den Zwiespalt nicht aushalten; diese Kunst heißt jetzt Kitsch. Seitdem darf im übrigen jeder 'seinen eigenen Geschmack' haben. Einen gültigen Stil gibt es nicht mehr, nur noch Moden, die aber von Anbeginn umstritten sind; z. B. wg. Kitsch!)


Trotzdem bleibt das Schöne Paradigma auch des Rätselhaften. Denn im Schönen (nun aber im Naturschönen sowohl als im Kunstschönen – das Naturschöne sieht aus, als ob die Natur "sich was dabei gedacht hätte") erscheint das bloß-sinnlich-Gegebene so, als ob es selber etwas bedeuten wolle. Und zwar jenem 'zwiespältigen' Bewußtsein, das längst weiß, daß die Dinge 'an sich' eben überhaupt nichts bedeuten und ohne pragmatische Zwecksetzung sinnlos bleiben. Rätselhaft ist die Darstellung (als Darstellung) dann, wenn sie ihr Objekt, egal ob gegenständlich oder ungegenständlich, beinahe in 'Schön-heit' faßt, und sie dann doch verfehlt; die harmonistische, befriedete, positive Symbolhaftigkeit des Schönen parodiert. Diese vorgeführte Immanenz heißt Ironie und ist seit der Romantik der Generalnenner der Kunst.

*) Das gilt wohl nur fürs Abendland. Nov. 2015

 


 

V. Die Wandlungen des Schönen.

Tizian/Giorgione, Ländliches Konzert                                                                                                                    aus Über Ästhetik, Rohentwurf, 19

Mit der Renaissance wurde das Schöne zum Prinzip der - ipso facto verselbständigten - Kunst; womit das Ästhetische in einem spezifischen Sinn allererst konstituiert wird; während in der Antike das Schöne nicht vor allem der Kunst (bloß "Nachahmung", bei Plato), sondern dem Kosmos (nicht Werden, sondern Sein=Bild) selbst zugesprochen wird. Aber wie in der Antike wird das Quale des Schönen in der kosmischen Harmonie gesehen. In der Antike leuchtete in den schönen Gegenständen (den höchsten: den Knabenkörpern) die Wahrheit der Ideen in die (wilde) Welt der Erscheinungen (des Werdens) hinab. 

Die Errungenschaft der Renaissance ist die Erwartung, die Gesetze der kosmischen Harmonie in die Welt des Werdens durch Kunst hineinarbeiten zu können - überall dort, wo sie noch wild und roh ist. Wild und roh wie die Menschen selbst: Das Mittelalter waren die "Flegeljahre" des Abendlands, nach Egon Friedell. Bestimmung der Kunst - und der humanistischen Bildung überhaupt - ist darum unter anderm, wenn nicht vor allem, die Milderung, Verfeinerung der Sitten. Der Renaissance- mensch selbst ist ein Wüstling, aber die Giangaleazzos betrachten sich auch nicht als ihr eigenes Ideal! Der Fürst sucht seine Rechfertigung als Förderer der Künste: Medici/Florenz, D'Este/Ferrara; es folgt der Aufstieg des Phänotyps des cortigiano: Tasso! (nördlich der Alpen zum Geheimen Hofrat und seinen Kanzlisten aufgeklärt). 

Seit Rousseau gelten dann die "milden" Sitten wiederum als gezwungen, geziert und falsch. Erst jetzt kann die zusätzliche Milde, Süße, Harmonie, Glätte, Gefälligkeit des Schönen als übermäßig empfunden werden. Erst in einer verweichlichten, harmonisierten, konventionellen, gemäßigten und geschniegelten bürgerlichen Welt kann das Schöne zuviel des Guten bieten: nämlich Kitsch. Die sentimentale, kitschige Kunst ist eine solche, die den ehedem rohen, inzwischen domestizierten und gebildeten Menschen mit sich selbst in "Harmonie", nämlich Selbstgefallen versetzt - statt ihn über seine Befindlichkeit hin- weg zu reißen. 

(Sind Tiepolos Fresken an sich nicht Kitsch? In einem Land, das einen dreißigjährigen Bürgerkrieg hinter sich gebracht hat, nicht. Aber das Zeug an den Wänden und Decken des Berliner Doms ist es gewiß, und nicht bloß wegen der minderen Ausführung. - Seit den siebziger Jahren galt als Inbegriff des anästhetisch-Flachen, Öden, Häßlichen der Soziale Wohnungs- bau der 50er, 60er Jahre - und seine grausige Überbietung: der Plattenbau der DDR. Aber nach dem Krieg, in der Trümmer- wüste des zerbombten Berlin, wo uns von der ganzen rauchgeschwärzten Bizarrerie buchstäblich die Augen weh taten, da haben wir alle die quadratisch-praktisch-gute Freundlichkeit der Interbau ('58) mit ihrem neuen Hansaviertel richtig schön gefunden. Es war eben eine nüchterne und keine romantische Zeit.)



aus "Ist das Biedermeier?" 
 
Anzumerken ist noch, dass mit dem Niedergang der Romantik im Biedermeier zugleich eine Dreiteilung der Kunst eintrat, die es allein in der westlichen Kultur gibt: Nach oben setzt sich die Avantgarde von einem Mainstream ab, der den Markt beherrscht, und nach unten, in die Niederungen der Ungebildeten Masse, breitet der Kitsch sich aus. 

Warum westlich? Weil es eine Markt-Erscheinung ist.

Spitze Zungen mögen hinzufügen, seit die Avantgarde selber zum Mainstream wurde, konnte sie sich mit dem Kitsch wieder vereinigen.

 

 

Das uneigentlich Schöne.

aus Zwischenbericht in Über das Ästhetische
Alessandro Magnasco, Die zahme Elster

Trotzdem bleibt das Schöne Paradigma auch des Rätselhaften. Denn im Schönen (nun aber im Naturschönen sowohl als im Kunstschönen - das Naturschöne sieht aus, als ob die Natur "sich was dabei gedacht hätte") erscheint das bloß-sinnlich-Gegebene so, als ob es selber etwas bedeuten wolle! Und zwar jenem 'zwiespältigen' Bewußtsein, das längst weiß, daß die Dinge 'an sich' eben überhaupt nichts bedeuten und ohne pragmatische Zwecksetzung sinnlos bleiben. 

Rätselhaft ist die Darstellung (als Darstellung) dann, wenn sie ihr Objekt, egal ob gegenständlich oder ungegenständlich, beinahe in 'Schönheit' faßt, und sie dann doch verfehlt; die harmonistische, befriedete, positive Symbolhaftigkeit des Schönen parodiert. Diese vorgeführte Immanenz heißt Ironie und ist seit der Romantik der Generalnenner der Kunst.

Pietro Annignoni, Anacoreti nel deserto

(Es gibt aber weiterhin eine Kunst, die auf Entschärfung nicht verzichten mag - für Leute, die mangels Bildung den Zwiespalt nicht aushalten; diese 'Kunst' heißt jetzt Kitsch. Seitdem darf im übrigen jeder 'seinen eigenen Geschmack' haben. Einen gültigen Stil gibt es nicht mehr, nur noch Moden, die aber von Anbeginn umstritten sind; z. B. wg. Kitsch!)


Anton Mauve, Sonnenuntergang im Winter

 

 

Romantik und Kitsch.


William Bouguereau, Le captif

Der eine will vermittelst der Kunst sich seines Wesens freuen, der andere will mit ihrer Hilfe zeitweilig über sein Wesen hinaus, von ihm weg. Nach beiden Bedürfnissen gibt es eine doppelte Art von Kunst und Künstlern.

 
Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches, N° 371
 
Ist die Kunst eine Folge des Ungenügens am Wirklichen? Oder ein Ausdruck der Dankbarkeit über genossenes Glück? Im ersten Fall Romantik, im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurz Apotheose-Kunst).

Die Romantik: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.




Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlass der achtziger Jahre, (Schlechta III/S. 495, S. 755


[Nach Nietzsche unterschied man auch gern zwischen Kunst und Kitsch.]
Lovis Corinth, Ostern am Walchensee




Und nochmal Nolde.

aus Die Presse, Wien,

Am Beginn der Hausfrauenmalerei 
Emil Nolde ist eine ambivalente Künstlerfigur, er galt als "entartet", war aber Nazi. In Wien konzentriert man sich allein auf seine Bilder und ihren überraschenden Einfluss.

 

Ohne seine grimmigen Bergriesen wäre er wahrscheinlich nie zu einem der führenden Maler des deutschen Expressionismus geworden. Denn während Emil Nolde Ende des 19.Jahrhunderts in der Schweiz als Lehrer für Entwurfszeichnen arbeitete, fertigte er kleine Bergporträts an: Matterhorn, Finsteraarhorn, St.Gotthard – Nolde verwandelte die Berge in finster blickende, lächelnde oder flirtende Wesen. Diese Bildchen waren derartig erfolgreich, dass der damals 30-jährige Künstler 30 Motive als Postkartenserie in der stolzen Auflage von 100.000 Stück drucken ließ – die nach zehn Tagen verkauft war. Mit diesem Vermögen begann Noldes Leben als Maler.



Heute gehört Nolde, 1867 als Emil Hansen im norddeutschen Dorf Nolde geboren, zu den wichtigsten und vor allem populärsten Malern der Moderne. Vor allem mit seinen Blumenbildern hat er ungeahnte, bis heute anhaltende Entwicklungen ausgelöst. Anders als die üppigen, aber doch strengen Stillleben des Barocks scheinen bei Nolde die Farben zu explodieren. Meist füllen die bunten Blüten in Nahaufnahme den unbestimmten Bildraum komplett aus. Der Verzicht auf Details, scharfe Konturen und die einschnürende Vase hat Generationen deutscher Mütter dazu angeregt, sich ebenfalls malerisch den Blumen in Garten und Wiese zu nähern. Mohnblumen in der so schön verlaufenden Aquarelltechnik – wie herrlich lassen sich damit große Gefühle ausdrücken!



Und wie heikel ist die Grenze zum Kitsch. Warum Nolde davor bewahrt blieb, ist jetzt in der umfangreichen Ausstellung im Unteren Belvedere zu studieren. Unter dem schwülstigen Titel „In Glut und Farbe“ – ein Zitat Noldes – sind knapp 180 Bilder zu sehen. Nahezu sämtliche Exponate stammen aus der Nolde-Stiftung Seebüll. Beeindruckend, diese wunderbaren Farbwelten! Jedes noch so banale Motiv wird da bildwürdig. Anders als die zarten Aquarelle leben die Gemälde von einem dick aufgetragenen, farbgesättigten Pinselstrich: aufwühlende Seestücke, grelle Wolkenbilder, groteske Menschen, die er im Berliner Nachtleben studiert hat, Religiöses, ab 1914 auch Exotisches aus fernen Ländern, denn er nahm an einer Expedition bis nach Burma und Java teil – die Motivpalette Noldes ist umfangreich. Naturalismus und Groteske, wie schon bei den frühen Postkarten, vermischen sich zu einem einzigartigen Stil, der dann in seinen späten „Ungemalten Bildern“ zu einer faszinierenden, assoziativ-emotionalen Welt führt.

 

„Ungemalt“ nannte Nolde diese 1300 Aquarelle umfassende Serie, da ihm 1941 von den Nazis jegliche künstlerische Betätigung verboten wurde. Ölfarbe wäre durch den Geruch aufgefallen. So malte er im Geheimen die vielen kleinen Aquarelle. 50 Blätter daraus sind im Belvedere ausgestellt. Aus Farbflächen und Klecksen arbeitet Nolde hier mit feinen schwarzen Umrissen Gesichter und Figuren heraus, lässt Traumwelten entstehen, die im Unklaren bleiben – der Höhepunkt dieser Ausstellung!



„Entarteter“ Künstler oder Nazi?

Das Kapitel des Bilderverbots wird in der Ausstellung nur kurz angesprochen, dabei ist es ein heikles Thema. Zwar wurden seine Werke 1937 als „entartet“ beschlagnahmt. Neueste Funde aus einem Schweizer Nachlass belegen jedoch, dass Nolde überzeugter Nazi und Antisemit war. Das Malverbot kam für ihn daher völlig überraschend, er empfand es als ungerecht. Damit steht eine alte Diskussion im Raum: Ändert das Wissen über die politische Gesinnung unsere Wahrnehmung von Kunst? Lesen wir Farben, Motive anders? Ist Gottfried Benn ein schlechter Dichter, weil er 1933 in seinem „Verwandlungsbrief“ seine – später widerrufene – Kehrtwende zum Nazi bekennt? Ist Ezra Pounds Werk neu zu bewerten, weil er sich mit Mussolini einließ, oder Andy Warhol, weil er mit dem persischen Schah Reza Pahlavi durch die Welt flog? Diese Diskussionen müssen geführt werden – aber nicht unbedingt in Ausstellungen. Solange die politische Überzeugung in den Werken nicht ablesbar wird, sollte damit umsichtig umgegangen werden – wofür sich auch das Belvedere bzw. Kurator Stephan Koja entschied und das Kapitel kurzerhand komplett ausblendet.



Aber warum überhaupt ist ein deutscher bzw. dänischer Maler derartig umfangreich hier zu sehen? Im Besitz des Museums befindet sich nur ein Gemälde Noldes: „Joseph erzählt seine Träume“ von 1910, angekauft 1922 vom damaligen Direktor Franz Martin Haberditzl für 60.000 Mark. So weit ein Angelpunkt. Der andere liegt darin begründet, dass Nolde, der 1914 im Wr. Künstlerhaus ausstellte, „weitreichende Spuren“ in der österreichischen Kunst hinterließ, wie es Koja formuliert. So sehen wir also im vorletzten Raum eine kleine Zusammenstellung der Ergebnisse dieses Einflusses: Werke von Robin Christian Andersen, Werner Berg, erneut Herbert Boeckl, Oskar Kokoschka, Werner Scholz, Max Weiler – ein interessanter Vergleich. Es ist alles recht farbenfroh. Aber es sind deutlich gezähmte Bilder, die Noldes stilistische Wucht nochmals herausstreichen.

Bis 2.Februar 2014, täglich: 10–18Uhr, Mittwoch: 10–21 Uhr, Rennweg 6, Wien 3.



Nota. - Auch diese Rezensentin kann es sich nicht verkneifen, das Wort Kitsch in den Mund zu nehmen; wie keiner derer, die besagte Ausstellung in Berlin und Wien besprochen haben. Und wie alle andern lässt sie das Thema gleich wieder fahren - mit der nicht weiter erläuterten Aussage, dass "Nolde davon bewahrt blieb". Blieb er? Aber bestimmt nicht immer! Würde man sagen, dass alles sei 'hart an der Grenze', bliebe immer noch zu spezifizieren: hart auf welcher Seite?

Sie fragt nach dem Grund für die gewaltige Wirkung dieser Bilder; das ist er! Er spielt mit dem Kitsch, aber ganz unironisch, nämlich ohne es zu wissen, und wenn man sagt, den Kitsch mache - im Unterschied zur Kunst, die 'den Menschen entzweit' - dies aus, dass er den Betrachter in Selbstgefallen wiegt (ich sagte das), so ist es hier, mindestens beim aufmerksamen Betrachter, ein vergiftetes Selbstgefallen: 'Wie kann mir
wohlsein bei so einem schrillen Zeug?' Denn tatsächlich ist einem dabei nicht ganz wohl.

Horribile dictu: Vorm haltlosen Untergehn im Kitsch hat ihn das Malverbot der Nationalsozialisten bewahrt, die ihn gottlob als einen Entarteten erkannten. Man stelle sich vor, sie hätten ihm den Gefallen getan und ihn zum Staatsmaler befördert: Die Ungemalten Bilder statt in Wasserfarbe auf kleinen Zeichenblöcken - in Öl und im Breker/Thurack-Format! Man muss vielmehr sagen, sie haben ihn auf das Format festgenagelt, das seiner Ästhetik am zuträglichsten ist, und das hätte er ihnen danken sollen.

"Als ob das Format die ästhetische Qualität tangieren könnte!" - Und ob das Format die ästhetische Qualität tangiert. Stellen Sie sich eine Wagner-Oper in Kammerbesetzung vor - ich meine das Orchester! - in einem Kurhotel in Bad Ischl; glauben Sie nicht, dass das ein anderes Kunstwerk wäre, als was Sie in Bayreuth erleben? Ob besser oder schlechter kann man in bloßer Phantasie nicht beurteilen. Aber kitschig, schwülstig und pompös könnte es unter diesen Umstünden auch dann nicht ausfallen, wenn man sich jede parodistischen Verfremdung versagte. Oder könnte es gar sein, dass es nur als Persiflage kitschig wäre? Für Feingeister, die sich ohnehin schon selbst gefallen?
JE




Kitsch und Manier.


Das ästhetisch-Erhebliche (um nicht vom Schönen reden zu müssen) ist etwas, das mich 'aus dem Häuschen bringt': in einen Zustand versetzt, wo ich von 'mir-selber' ganz unaffiziert bin und ausschließlich von dem Anderen berührt; Schillers "ästheti-scher Zustand".

Beim Kitsch ist es genau andersrum. Das 'Selbst' überströmt und ertränkt alles Andere.

Das Manirierte ist die Rückseite vom Kitsch. Denn auch hier ist nicht das Andere ("wie es ist") der Gegenstand des Merkens, sondern das, "was ich daraus gemacht habe". Die Selbstverzückung ist dieselbe wie beim vulgären Kitsch, nur kommt sie sich hier vornehm vor.


aus e. Notizbuch, 29. 7. 07

 

 

Kitsch & Manier, II.

Ambera Wellmann, Cloud

Der Kitsch setzt starke ästhetische Reizmittel ein, um den "Inhalt" unübersehbar zu machen: so, dass 'man sich ihm nicht entziehen kann'. (Das macht ihn aufdringlich.)

Der Manirierte benutzt die ästhetischen Mittel, um allen 'Inhalt' verschwinden zu machen. Der Betrachter soll das Ästhetische selber als 'Inhalt' wahrnehmen, imdem man sich ihm nicht entziehen kann (weil's sowieso nichts andres zu sehen gibt). Das macht ihn aufdringlich.

Der Kitsch geht aus von der "Aussage". Der Manierismus stellt das Ästhetische so zur Schau, dass es den Anschein erweckt, als sei es selber eine Aussage. Das Ästhetische am Ästhetischen ist aber, dass es Nichts aussagt, sondern lediglich "da ist" - und dies zur Erscheinung bringt. Wird es mit Erwartungen überfrachtet, wird es schnell hohl.

aus e. Notizbuch, im Juni 07





Einige neuere Landsschaftsbilder.

Amanda Kavanagh 


Ambera Wellmann 


Benoît Trimborn


Benoît Trimborn, Paysage d'été XVI, 2014


Casey Klahn


Chrissy Norman


Dirk Baksteen 


Kim Casebeer


Eeva Karhu


Helen Booth


David Sharpe 


Fred Cuming  


Fred Cuming  


Gayle Bard 


Curt Butler


Frank Auerbach


George Carlson 

Gerhard Richter  

Kai Savelsberg 

 Fred Cuming

Fred Cuming  
Gleb Savinov Jukki

Es gibt mehr Maler, die von ihrer Kunst zu leben versuchen, als man denkt. Und weil Landschaft immer geht, gibt es daher mehr Landschaftsmaler als man denkt. Wie gelegentlich schon erwähnt, gibt es kaum ein Sujet, das so - einerseits - zum Kitsch und - andererseits - zur Manieriertheit verführt, wie die Landschaft. Und wenn man darauf angewiesen ist, seine Sachen zu verkaufen, verfällt man leicht in - Kitsch und Manieriertheit.

Das heißt aber nicht, dass die Arrivierten, von denen Sie oben auch ein paar Stücke sehen, dagegen gefeit wären.

Doch wenn man's um beide Klippen herum schafft, ist die Landschaft zu einer Zeit, wo alles schonmal dagewesen ist, das Sujet der Wahl, bei dem man nicht altmeisterlich werden muss, weil es jede formale Freiheit erlaubt, die dem Künstler in den Fingern juckt bis hin zur völligen Abstraktion, wo man nicht mehr erkennt, was es darstellen soll. Man darf nur nicht originell sein wollen... 

Wenn man aber beide Klippen nicht umschiffen kann oder will, sieht es manchmal so aus:



Louise Balaam 


 

Was spricht gegen die Manier?












Zunächst einmal: Dass es sich der Künstler leicht macht, wenn er alles derselben Behandlung unterzieht, sei ihm gegönnt. Wenn er für seine Bilder wenig kriegt, muss er viele davon malen, damit es zum Leben reicht. Schaffenskrisen kann er sich da nicht leisten. Wenn seine Manier eine gelungene ist, soll er ruhig...

Aber ästhetisch ist es fatal. Wenn ihm sein Motiv - sei es gegenständlich, sei es 'abstrakt' - keine Probleme zu lösen gibt, weil die Manier vorab schon alle Klippen umrundet hat, wird sein Bild dem Auge nichts zu bieten haben; nichts jeden- falls, was es nicht schon gesehen hat, nichts, das ihm hineinsticht. Dann bleibt das Bild - wenn seine Manier eine gelun- gene war - rein dekorativ.

A propos: Was heißt gelungen? Na, unterm Strich heißt es wohl, dass es (einem breiten Publikum oder den Connois- seurs) gefällt. Dass es "Effekt macht". Und das weckt den Verdacht, dass es ihm genau darum ging, und das nennt man, wenn es sichtbar wird, Kitsch.

Wenn es aber ein Motiv gibt, auf das seine Manier absolut nicht passen will, dann lässt er es aus. So dass nach einer Weile seine Bilder auch motivisch eintönig wirken. Langweiliger Kitsch - schlimmer geht es nicht.

Alle obigen Bilder stammen von dem zeitgenössischen amerikanischen Landschaftsmaler David Grossmann. Um seine eigene Masche zu kreieren, hat er sich ja in der Geschichte umgesehen, man erkennt einen zum Schiele radikalisierten Klimt, aber natürlich auch C. D. Friedrich, und auch die Farben von Gauguin schimmern manchmal hindurch, und wer mehr kennt als ich, wird sicher noch mehr finden. Eine eigene Handschrift kommt so schon zustande, aber dass sie dem Auge bisher gefehlt hätte, kann man nicht behaupten. 

Es sei aber auch hinzugefügt: Nicht nur der darf Maler werden, der willens und fähig ist, Kunstgeschichte zu schreiben. Wer Talent hat und am Malen mehr Freude findet, als an anderen Beschäftigungen, und sich ansonsten damit zufrieden gibt, mit einem schönen Beruf seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dem ist künstlerisch nichts vorzuwerfen - anders als manchem Neuerer, der Furore macht.




Manier und Kitsch sind überhaupt kein Gegensatz.

Afterglow

Reflections

River City Sunset

Storm Cloud


Long Ago And Far Away

von Maurice Shapiro



Ich habe mal geschrieben, die Manier sei die Rückseite vom Kitsch; kitschig werde Kunst, wenn sie den Beschauer in Selbstverzückung führt, in der Manier verzückt der Maler sich an sich selber. Wenn er aber wirklich gut ist, dann wählt er die Sujets für seine Manier so, dass beides drin ist. 

Sonnenuntergänge zum Beispiel. Wenn er die realistisch malte, würden Meier und Lehmann merken, dass es Kitsch ist. Dass die Manier selber kitschig ist, erkennen sie nicht, dafür haben sie sich noch nicht genügend Bilder angesehen.

(Ich nehme an, er wischt und tröpfelt Verdünner über die halbtrocknen Farben. Da bleibt der Effekt selten aus.)







Der kleine Schritt von der Manier zum Kitsch.

Michael Ruetz Timescape 817aus Süddeutsche.de, 31. 7. 2014                                                                                    aus Timescape 817

Fotograf Michael Ruetz  
"Allen fehlt die Geduld"
Mehr als 20 Jahre lang hat Michael Ruetz immer wieder ein- und dasselbe Landschaftsmotiv fotografiert. In seinen Großprojekten arbeitet er ohne Eile und ohne Druck. Ein Gespräch über Innehalten, Vergänglichkeit und die Dramatik vor der Haustür. 

von Carolin Gasteiger 

Süddeutsche.de: Für "Die absolute Landschaft" haben Sie zwischen 1989 und 2012 mehr als 2000 Mal eine Aufnahme gemacht. Das Motiv ist immer dasselbe - der Blick auf eine oberbayerische Landschaft. Und doch sind die Aufnahmen überraschend facettenreich.


Michael Ruetz: Die Bilder sind eine Antithese zur emsigen Reisefotografie, wie sie viele gängige Zeitschriften oder Tourismusprospekte betreiben. Ihre Fotografen reisen unentwegt durch die Welt und meinen, dort das Dramatische zu finden. Aber auch an einem einzigen Ort, ganz gleich wo, können höchstdramatische Licht- und Himmelsphänomene auftreten, setzen Wetter, Wind und Wolken die Landschaft in Szene. Man muss dafür nicht pausenlos zwischen Alaska, Feuerland und dem Nordpol unterwegs sein.


Wir müssen also - egal wo - nur auf den richtigen Moment warten?

Warten allein nützt nichts. Es gilt, aktiv zu warten, mit höchster Aufmerksamkeit am Geschehen teilzunehmen. Wann der entscheidende Moment ist, bestimmt man selbst.



Allen fehlt die Geduld. So viel Zeit und Warten kann sich heute niemand mehr abverlangen. Was ja auch verständlich ist. Auch malende Künstler nehmen sich nicht gerade viel Zeit. Studenten an meiner Hochschule (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Anm. d. Red.) würden am liebsten schon im dritten Semester eine eigene Ausstellung machen, anstatt sich Zeit zu lassen. Das ist heutzutage so.

  
Völlig neu ist diese Beschleunigung nicht. Als Stern-Fotograf unterlagen Sie Anfang der Siebziger selbst den Zwängen eines aktuellen Mediums. Vor 40 Jahren haben Sie gekündigt - ein Befreiungsschlag?

Ich konnte mir als Journalist einfach nicht genug Zeit für etwas nehmen. Seitdem mache ich nur noch meine eigenen Projekte, keine Auftragsfotografie mehr. Das ist zwar anstrengend, aber in der Tat sehr befreiend. Und noch besser: Ich gebe meine Souveränität nicht auf.


Ist es ein Manko der digitalen Fotografie, dass immer schneller und hektischer fotografiert wird?

Wie bei allen technischen Innovationen muss man auch bei der modernen Fotografie erst lernen, damit umzugehen. Die digitale Fotografie, wenn man sie richtig versteht und anwendet, ist letztlich ein malerisches Medium. Weil sie dem Fotografen erlaubt, was Maler tun: Farben zu verändern und Farben zu adaptieren. All das ging mit der analogen Fotografie nicht.

  
Die wenigsten gestalten ihre Fotos, versuchen eher, sie möglichst schnell zu verbreiten.

Mit den Smartphones wurden die Grenzen zwischen Amateur- und professionellen Fotografen vollständig aufgehoben. Nehmen Sie das Unglück in der Ukraine: Ich könnte mir denken, dass die ersten, die an die Absturzstelle des Flugzeugs kamen, die aufregendsten und wichtigsten Momente festhalten konnten. Und die Berufsfotografen, die dorthin gehen, kriegen nur noch das, was man ihnen zugesteht.

Michael Ruetz Timescape 817
Mal bei klarem Himmel, mal mit Gewitterwolken, dokumentiert Ruetz in Timescape 817 die Vergänglichkeit.

Mit den Smartphones wurden auch Selfies populär, Selbstporträts, die die Subjektivität fast zur Leitkultur erheben. Ihre Art der Fotografie ist das genaue Gegenteil.


Ich sehe eben genau hin und nehme mir Zeit, meine Bilder zu machen. Andere tun das nicht. Manchmal entwickelt sich ein Geschehen erst langsam und das kriegen Sie nur mit, wenn Sie geduldig dabei bleiben. Auf diese Weise kommt man zu interessanten Bildern, die mehr als nur die Oberfläche zeigen.

  
Wollen Sie in Ihren Bildern eher die Vergänglichkeit oder die Beständigkeit der Landschaft zeigen?

Beides. Man sagt zwar, die Zeit vergeht. Aber eigentlich vergehen wir und die Zeit bleibt. Wenn wir tot sind, ist die Zeit immer noch da. Also können wir nur das Unbeständige dokumentieren.

Versuchen Sie, dieser Vergänglichkeit bewusst Ihre Bilder entgegenzusetzen? 

Das Leben ist zwar von der Einsicht des Vergänglichen bestimmt, aber immer auch vom Protest dagegen. Man versucht, der Zeit etwas Beständiges entgegenzusetzen. Wenn das dann - für uns Künstler - in einem Museum hängt, ist das tröstlich und hilft über den bitteren Gedanken an den Tod hinweg.

Michael Ruetz: Die absolute Landschaft. Bis 5. Oktober 2014Museum für Fotografie, Berlin. Im Herbst erscheint außerdem im Steidl Verlag ein Buch mit Aufnahmen des Künstlers.

 Freie Universität Berlin, 3. Juni 1967
Michael Ruetz

Als Fotoreporter für den Stern hielt Michael Ruetz aufregende Momente fest: Seine Aufnahmen der Studenten-bewegung in den Sechzigern, darunter Rudi Dutschke am Mikrofon, machten den gebürtigen Berliner bekannt. Als Ruetz aus dem schnelllebigen Geschäft ausstieg, entdeckte er die Langsamkeit für sich: In mehreren länger-fristigen Projekten widmet er sich den Themen Zeit und Vergänglichkeit - darunter fallen auch die Bilder aus seiner aktuellen Serie "Timescape 817".


Nota I.

Das ist wirklich alles sehr gut gemacht. Aber insbesondere auch: sehr gemacht. So gut es mir nach wiederholtem Ansehen immer noch gefällt: Es ist eine Manier, und irgendwann wird man sie satt haben. Nirgends sei die Versuchung zur Manier so groß wie bei der Landschaft, habe ich behauptet. Und bei keinem Medium so stark wie bei der Fotografie, schwant mir.
JE 

Nota II., 2. 8. 14: 

Noch sind keine drei Tage um, da ist es schon so weit; die Bilder sind auf meinem Blog, da sehe ich sie immer wieder, und - schon bin ich sie leid. Das überzogene Clair-obscur, die dunkel eingegrauten Farben, dasselbe Motiv, derselbe Winkel, es macht Effekt, aber der ist fad. Nochmal drei Tage und ich sage, das ist Kitsch
JE  

Nota III., 15. 8. 2015:

Längst schon kann ich nicht einmal mehr verstehen, wie mir das je gefallen konnte. Richtig peinlich ist es mir aber nicht. Völlig unempfänglich für den Kitsch ist nur der Pedant; für ein paar Tage darf sich der Geschmack schonmal verirren. Und schlechter Geschmack gehört ja noch nicht zu den Todsünden (solange er für sich bleibt).
JE

Sie ahnen es: Die Überschrift habe ich erst Mitte August '15 aktualisiert. JE



 

Das Motiv in Fotografie und Malerei.

Alex McLean

In den Jahren 2007-2008 habe ich mich, obwohl ich selber nicht fotografiere, an den Bild-Diskussionen der FotoCommunity* beteiligt; einer Plattform, wo (einige) Berufsfotografen und (viele) Amateure ihre Aufnahmen öffentlich ausstellen können. Die FC hat verschiedene ‘Kanäle’, unter anderm einen für Landschaftsfotos. Während meiner Beschäftigung mit der Bedeutung der Landschaftsmalerei für die Freisetzung ‘des Ästhetischen’ im Welt- und Lebensverständnis der Moderne stieß ich auf die Frage, ob sich die Gesichtspunkte, die ich in der Geschichte der Landschaftsmalerei herausgefunden hatte, ebenso in der Landschaftsfotografie bewähren würden; also die Frage, was davon spezifisch zur Landschaft, und was spezifisch zur Malerei gehört.
 
Hier ein Auszug aus einem Brief:


Inge Rambow 
7. 9. 07 
…Ich suche auf Bildern nicht nach einer Aussage.
 
Ich muß vorweg sagen: Ich bin an die FC durch ein eigentümliches, fast ‘theoretisches’ Erkenntnisinteresse geraten. Ich suche dort im Gegenteil nach Bildern, die ‘gar nichts aussagen’. Oder anders gesagt, ich suche nach dem rein-Ästhetischen an den Bildern. Darunter verstehe ich Dasjenige, was vom Bild sichtbar bleibt, wenn man von allen möglichen Bedeutungen außerhalb des Bildrahmens abgesehen hat; also von Allem, was sich irgendwie aufs ‘wirkliche Leben’ bezieht – und aus diesem Grund irgendwie meine Vor- oder Nachteile betrifft. Also Das, was nicht ‘interessiert’, sondern ‘bloß erscheint’. Nach Kant (das ist mein Fach, den darf ich nicht nur, den muß ich zitieren) ist “das Schöne” (=der damals übliche Name für das ästhetisch-Erhebliche) dasjenige, das ‘so erscheint, als ob’ es seinem Zweck restlos entspricht, ohne offenbar aber einen Zweck überhaupt zu haben! ‘Zweckmäßigkeit ohne Zweck’ oder, schlichter gesagt, das, was als Zweck seiner selbst erscheint, das ist das ästhetisch Gerechtfertigte, das rein-Ästhetische.
 

Olaf Otto Becker 

Dabei handelt es sich im Grunde nur um eine ‘Idee’, denn streng genommen ‘gibt es’ das rein-Ästhetische natürlich nicht. Schon die Farben selbst haben (von irgendwelchen hirnphysiologischen Vorgängen ganz abgesehen) immer irgendeine ‘lebensweltliche Bedeutung’. Weiß ‘bedeutet’ zum Beispiel für einen Eskimo sicher etwas anderes als für einen Amazonasindianer, so wie umgekehrt grün. Nun, und erst Rot oder Blau oder Gold! Von Schwarz nicht zu reden. Ebenso macht es einen Unterschied, ob regelmäßige geometrische (‘Kunst’-) oder unregelmäßige (‘Natur’-) Formen verwendet werden. – Das Ästhetische ist also besten falls relativ ‘rein’ und nicht absolut. Dieses relativ Reine aber kann man ‘finden’, wenn man es darauf ‘abgesehen hat’! 

Beate Güldner

Mit der “Gemäldegalerie” in meinem Fotohome versuche ich darzustellen, wie die (unbewußte) ‘Suche nach dem rein-Ästhetischen’ die Bildende Kunst – das war damals hauptsächlich die Malerei – auf den Weg der Abstraktion geführt hat: das bloße Verhältnis von Flächen, Farben, Linien und Hell-Dunkel-Werten. Wobei man immer im Kopf behalten muß: Auch ein “rein abstraktes” Bild kann ‘wild’ oder ‘harmonisch’ , ‘heiter’ oder ‘düster’ wirken – und hat also immer noch einen ‘Bezug zum wirklichen Leben’ und seinen Interessen. Wie gesagt: Das rein-Ästhetische ‘gibt es’ am Ende doch nicht. Deshalb hat sich die Abstrakte Malerei schließlich als Sackgasse erwiesen (die allerdings erst gegangen werden mußte, um sich erweisen zu können; und was damals entstanden ist, war Kunst, während es bloß dekorativ wäre, wenn es heute entstünde. XY aus der FC, der als Fotograf auf meiner Buddy-Liste steht, malt solche Bilder, aber ich trau mich nicht, ihm was dazu zu sagen.) 

Nelly Nolte

Ja, soviel zur Malerei. Aber in der FC geht’s ja gerade nicht um Gemälde, sondern um Fotos, und mir ist klar, daß meine Sehweise dort nur am Rande eine Rolle spielen darf. Das Fotografieren ist entweder – für ganz viele – ein ‘Hobby’ oder – für einige – ein Broterwerb; und wenn einer sie im Stillen für (s)eine Kunst hält, traut er’s sich nicht zu sagen. Und sie ist es auch wirklich nur (würde ich sagen) im äußersten Fall. Nämlich in einigen, nicht sehr häufigen Glücksfällen, sofern man es nicht darauf anlegt. (Denn wenn einer mit der Kamera ‘Kunst’ machen will, kommt fast immer nur Kitsch oder Manierismus oder manierierter Kitsch zustande; dafür findet man in der FC reichlich Beispiele.) 


Antja Wagler

Das Foto hängt in ganz anderer Weise als das Gemälde am Gegenstand. Der Maler sitzt vor einer kahlen Fläche, und alles, was am Ende zu sehen sein soll, muß er selber dazutun; was er nicht haben will, läßt er einfach weg. Der Fotograf hat sein ‘Motiv’. Er hat es selbst gewählt, wohl wahr. Aber er hat es nun mal, ‘wie es ist’. Will er was daran ändern, muß er was draufsatteln, sei’s vorab durch die Kameraeinstellung, sei’s danach mit Photoshop. Wenn er dann sein Motiv so verändert, daß man’s nicht wiedererkennt, darf man ruhig fragen: Wieso hat er’s dann gewählt? Soll er’s doch wegwerfen und sich ein andres wählen! 

Will sagen: Durch die bildnerische Technik, die er gewählt hat – die Fotografie eben – hat der Fotograf sich darauf eingelassen, aus Dingen, die da sind, dasjenige herauszuholen, was ihm bedeutend erscheint; bedeutend genug, um es gegebenenfalls mit den Möglichkeiten der modernen Technik so hervorzuheben, wie es auf ‘natürliche’ Weise nicht möglich wäre. (Wenn er stattdessen was ganz anderes zeigen will, soll er zu Pinsel und Farbe greifen.) 


Jörg Bierwirth

Aber da liegt ein Haken: Für den Maler (nämlich wenn er ein Künstler sein will) ist es klar, daß sein Gemälde Kunst sein soll. Und da erwartet man heute (zu recht), daß nur das Ästhetische ihm ‘bedeutend’ genug ist, um es auf die kahle Fläche aufzutragen. Ist es die Sensation, das Dekorative, die Anekdote, ein Witz, die ihm ‘bedeutend’ sind, so wird man von Gebrauchskunst oder Kunsthandwerk reden. Dem Fotografen muß dagegen klar bleiben, daß sein Foto einen Gegenstand darstellt. Und dafür gibt es eine ganze Reihe von Legitimationen, wovon die Kunst die allerletzte ist, nämlich im glücklichen Ausnahmefall. Die Fotografie ist auch als Reklame gerechtfertigt, als Illustration, als entlarvende Kritik (an der Zeit, an der Kultur), als Reportage und bestimmt noch einiges andere, aber vor allen Dingen eben auch hier: als Hobby, zur Erinnerung, als Kuriosum. Und aus allen diesen Motiven heraus kann man seine Fotos in der FC veröffentlichen. Das ist mir mit meinem Blickwinkel klar und ich bemühe mich bei meinen Kommentaren (meistens) um Takt. Aber veröffentlichen heißt: an die ÖFFENTLICHKEIT bringen. Und da lauere auch ich mit meinem Blickwinkel, damit muß man rechnen. Daß einige beleidigt waren, das nehme ich mit philosophischer Gelassenheit. 

Matthias Jakob
*) Die FC hat seither nachgelassen. Aber ein paar gute Bilder finden sich immer wieder.










Kitsch: Jeff Koons' "Now" in London.

aus nzz.ch, 3.8.2016, 05:30 Uhr                                                                    «Titi» (2004–2009) aus spiegelblank poliertem Stahl

Der grösste lebende Zeremonienmeister
Wie kein anderer Künstler versteht sich Jeff Koons auf die Mechanismen des Marktes. Sein Kunstschaffen hat er vollständig seinen Gesetzen unterworfen. 

von László F. Földényi

«Jetzt» – mit diesem Titel eröffnete im Mai die neueste Ausstellung von Jeff Koons in London. Der Schauplatz ist die Newport Street Gallery, die Damien Hirst für die Dauerausstellung seiner Sammlung erbauen liess. Hirst trifft auf Koons. Und Koons auf Hirst. Und die Ausstellung gleicht einer Art Celebrity Show, wo es weniger auf die ausgestellten Werke als auf die blosse Tatsache der Ausstellung ankommt. Auf die Repräsentation. Deren grösster heute lebender Zeremonienmeister zweifellos Jeff Koons ist. ...


Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen 
Jochen Ebmeier


«Three Ball Total Equilibrium Tank», 1985. (Bild: Jeff Koons)



«Bowl with Eggs (Pink)», 1994–2009. (Bild: Jeff Koons)



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«New Hoover Convertible», 1980. (Bild: Jeff Koons)


«Jim Beam – J.B. Turner Engine», 1986. (Bild: Jeff Koons)



«Balloon Dog», 1994–2000. (Bild: Jeff Koons)

László F. Földényi ist Kunsttheoretiker, Literaturwissenschafter und Essayist. Er lehrt an der Theater- und Filmakademie in Budapest. – Aus dem Ungarischen von Akos Doma.


Nota. - Sehen Sie sich das Video an: Das Wort, das am häufigsten fällt, ist die schöne deutsche Vokabel the kitsch, die so zu Weltgeltung gelangt. 

Hört ein Stück Kitsch auf, eines zu sein, weil sich einer danebenstellt und mit dem Auge zwinkert? Nein, es macht nur dem Gebildeten den Gefallen daran weniger peinlich - womit er als Käufer in Frage kommt. "Ich seh' selber, dass das kitschig ist; aber es ist doch schön!" - das ist gar nicht naiv. Kinder sagen das nicht, denn sie wissen gar nicht, was Kitsch bedeutet, und finden's einfach schön; auch wenn's lediglich sehr gut gemacht ist.

Sehr gut gemacht sind die Sachen von Koons fast alle. Schön ist gar nichts, das meiste ist scheußlich, ein paar Stücke sind gar nicht mal schlecht. Die Frage ist gar nicht, ob das Kunst ist. Kunst ist, was Künstler machen, und ein Künstler ist Koons ohne Zweifel, aber das ist ein Sozialtyp und ein Lebensstil, über Qualitäten sagt es gar nichts. Die Qualität, die das Publikum - nicht unbedingt der Sammler - von einem Kunstwerk erwartet, ist eine ästhetische

Ästhetisch ist ein Phänomen auch dann (schon), wenn es den Geschmack des Betrachters auf die Probe stellt. Damit meine ich aber, dass es seine bisherigen Maßstäbe ins Wanken bringt; dass es ihm also "die Augen öffnet", und nicht, dass er's fast schon nicht mehr aushält. Wenn also einer zum ersten Mal ein abstraktes Gemälde sieht und zu seiner Überraschung was dran findet, obwohl er nichts darauf erkennen kann. Um eine mäßige Erwartung zu übertreffen, braucht es kein starkes Werk, ein mäßiges kann ausreichen. 

Und wer schon immer einen Kitschgeschmack hatte, der wird bei manchem Ballonhund von Jeff Koons die Stirn runzeln, und der Künstler wird rufen: "Seht ihr's?!" Es gibt Gegenden der Welt, da ist der Kitschgeschmack weiter verbreitet als in anderen, wo er Anstoß erregt; das hat mit dem Alter und der Qualität ihrer Kulturen zu tun. Und ein Geschmack, der seiner allzu sicher ist, ist in Wahrheit gar keiner, sondern nur Konvention. Darum kann ein Stück fettesten Kitsches in einem wahren Meisterwerk auch seine Berechtigung haben. 

Ich habe ein ganzes Buch geschrieben über den größten Künstler unseres Zeitalters und größten Showman aller Zeiten (dem auch Jeff Koons eines seiner berühmtesten Werke gewidmet hat), der hat davon reichlich Gebrauch gemacht. Der hatte wegen seiner Herkunft auch einen konventionell wenig anspruchsvollen Geschmack, aber wenn das ästhetische Genie aus- reicht, ist das wie der Pfeffer auf der Auster. Doch bei Koons konnte ich so etwas noch nicht finden.
JE













Der Geschmack der Macht.

aus NZZ, 8. 3. 2014                                                                                      in der Villa von Janukowitsch Generalstaatsanwalt

Weisse Pfauen mit vergoldeten Schnäbeln
Wiktor Janukowitsch und die sinnliche Seite der Macht. 


Von Konrad Paul Liessmann 

Mit welchen Dingen sich die Macht umgibt, wenn sie mit sich allein ist, konnte man in den Villen des gestürzten ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch und seines Generalstaatsanwalts Wiktor Pschonka sehen. Was genau ist es, das die meisten autokratischen Herrscher dem Kitsch und dem Protz zutreibt?

Die Bilder gingen um die Welt. Nach der Flucht des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch pilgerte die Bevölkerung von Kiew zur geheimnisumwitterten Villa des gestürzten Potentaten, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie der einst mächtigste Mann der Ukraine gelebt hatte. Was zu sehen war, erstaunte, verblüffte, erregte Zorn und Empörung, gab aber auch Anlass zur Heiterkeit. 

Janukowitschs WC 

Einen Moment lang konnte man der Macht in ihr selbstgefälliges, gieriges, gleichzeitig massloses und bescheidendes Antlitz sehen - ein riesiges Areal, auf dem nicht nur das Wohnhaus und Nebengebäude, sondern auch ein Teich mit einem Segelschiff, das als Restaurant diente, ein Golfplatz, ein Treibhaus und ein Zoo Platz fanden, dazu eine Sammlung von Automobilen und eine Einrichtung, die das Herz jedes Freundes von teurem Kitsch höherschlagen lassen musste: vergoldete Armaturen auf den Toiletten, Klomuscheln auf Goldfüsschen, eine - wie kann es anders sein - freistehende Badewanne, üppige Kronleuchter und riesige Lederfauteuils, geschnitzte Stühle mit neogotisch gespitzten Lehnen, vor einer holzvertäfelten Wand ein riesiger Flachbildschirm, protzig und prunkvoll alles, demonstrativ luxuriös und überdimensioniert, und doch Ausdruck eines individuellen ästhetischen Selbstverständnisses, das sich die eine oder andere aussergewöhnliche Leidenschaft leisten konnte - bis hin zu einer Armada alter sowjetischer Staatskarossen und den im Tiergarten herumstolzierenden weissen Pfauen.

Alles, was funkelt und teuer ist

Doch halt: Jetzt haben wir uns verschrieben. Wohl hatte Janukowitsch Pfauen in seinem Garten, doch es waren die gewöhnlichen Tiere mit dem bekannten prächtigen Gefieder; die seltenen weissen Pfauen waren allerdings der ganze Stolz des Königs Herodes gewesen, zumindest in der überhitzten Imagination Oscar Wildes.


Speisesaal im Schiff

In seiner «Salome», die Richard Strauss dann kongenial vertonte, bietet Herodes seiner Stieftochter, die als Preis für einen Tanz den Kopf eines Propheten forderte, alles an, was sein Haushalt so hergab, um sie von diesem mörderischen Unterfangen abzubringen: prunkvolle Juwelen, seltene Edelsteine, erlesene Gewänder, ausgefallene Schmuckstücke, das halbe Königreich, und eben: weisse Pfauen, mit - man glaubt es kaum - vergoldeten Schnäbeln. Von solchem Plunder liess sich Salome allerdings nicht beeindrucken und verlangte hartnäckig den Prophetenkopf - aber immerhin: Er sollte ihr auf einer Silberschüssel serviert werden. Und so geschah es dann auch.

Die Geschenke, die Herodes Salome anbot, um den heiligen Mann zu retten, lesen sich wie die Inventarliste eines mittelprächtigen Potentaten. Alles gehört dazu, was funkelt, teuer ist, Seltenheitswert beanspruchen darf, Luxus demonstriert und vor allem geeignet erscheint, der Macht einen sinnlich-ästhetischen Ausdruck zu verleihen. Deshalb auch die Pfauen, damals wie heute: Tiere, die seit der Antike durch ihre Pracht den Mächtigen schmücken sollten und doch mitunter die Wahrheit über diesen aussprachen: Wer sich spreizt wie ein Pfau, setzt an zu grossem Imponiergehabe, versucht vielleicht aber auch nur durch einen falschen Glanz zu blenden. Dahinter mag sich dann wenig bis nichts verbergen.

 Der See 

Aus welchen Bestandteilen sich solch eine Liste auch immer zusammensetzt, sie gibt Antwort auf eine Frage: Wie lassen sich Macht, Reichtum und Einfluss in einem privaten Rahmen sinnlich zur Erscheinung bringen? Und was sagt uns dies über den Charakter, das Ethos, die Geisteshaltung eines Potentaten? Denn wir sprechen hier nicht von der Inszenierung der Macht im öffentlichen Raum, von Monumentalarchitektur und Triumphbögen, von demonstrativ der Anschauung des Volkes preisgegebenen Schlössern, Gärten und Palästen, sondern von dem, was sich hinter jenen Mauern abspielt, die den privaten Geschmack der Macht von ihrer öffentlichen Inszenierung trennen und hinter denen sich auch das Anwesen des ehemaligen ukrainischen Präsidenten verbarg.

Das Restaurant

Welcher Ästhetik gehorcht also die Macht, wenn sie gleichsam mit sich allein ist, bestenfalls dem trauten Freundes- und Familienkreis zugänglich? Die Antwort drängt sich nach der Veröffentlichung der Bilder der Janukowitsch-Villa geradezu auf: Es ist eine bizarre Ästhetik des schlechten Geschmacks. Und in der Tat: Die ästhetischen Fehlleistungen von Diktatoren, Autokraten, aber wohl auch von demokratisch gewählten Politikern sind legendär. Irgendwo zwischen Kitsch und Protz, Nippes und Gigantomanie, falscher Volksnähe und arroganter Abgehobenheit schwanken die ästhetischen und stilistischen Vorlieben.

Politik als Reich der Anpassung

Natürlich mag es Gegenbeispiele geben: Aber die kunstsinnigen Renaissancefürsten und stilsicheren Kirchenmänner jener Zeit waren doch eher Ausnahmen gewesen, jedenfalls passten sie nicht mehr in den Moralkodex einer Gegenwart, der den Mächtigen unserer Tage in ästhetischen Fragen eine manchmal auch falsche und verlogene Bescheidenheit vorschreibt. Unbescheidenheit, Habgier, eine exzessive Sammelwut und der Wunsch, sich selbst einen rasch und wohl nicht ganz rechtmässig erworbenen Reichtum täglich vor Augen zu führen, sind aber auch noch kein Garant für ästhetische Urteilskraft und guten Geschmack: eher im Gegenteil.

Die Villa

Warum aber triumphiert der schlechte Geschmack so gerne in der Politik? Eine erste These dazu wäre, dass Politik und guter Geschmack einander prinzipiell ausschliessen. Das Feld des Politischen, in dem es immer auch um Machtgewinn und Machterhalt, um Ideologien, Halbwahrheiten und Lügen, um Anpassung, Durchsetzungskraft und Rhetorik, um Kampagnen und Intrigen, um Korruption und Bestechung, um Drohungen und Aggressionen geht, in dem also der Zweck die Mittel heiligt, scheint jedem guten Geschmack und der Kultivierung der Sinne zu widersprechen.

Das Ästhetische, das die Dinge um ihrer selbst willen zur Erscheinung bringen, wahrnehmen und geniessen will, ist doch gerade das Gegenteil einer ziel- und interessenorientierten Machtdemonstration. Die Indienstnahme des Ästhetischen durch die Politik hat dann auch fast immer nur Kitsch produziert - und dies nicht nur in totalitären und autokratischen Systemen, aber dort in besonders augenfälliger Form. Die Affinität der Politik zum Kitsch ist nicht nur Ausdruck einer individuellen Geschmacksverirrung, sondern liegt in der Natur der Sache. Das macht das tragische Moment an solchen mitunter unfreiwillig komischen stilistischen Entgleisungen aus - diese sind auch Ausdruck einer offenen oder sublimierten Gewalt, die sich auch das Schöne unterwerfen und rücksichtslos den eigenen Interessen dienstbar machen will.

Die Fassade 

Eine weitere These könnte lauten: Geschmack muss sich bilden. Vielleicht kann sich überhaupt nur der Geschmack bilden - durch Erfahrung, durch Vergleiche, durch Neugier, durch Sensibilisierung, durch eine Schulung der Wahrnehmung, durch das Programm einer ästhetischen Erziehung. Das aber erfordert Zeit und die Bereitschaft, sich auf Dinge einzulassen, die vordergründig immer im Verdacht des Nutzlosen stehen werden. Es wundert so wenig, dass die immer wieder als Beispiel für Geschmacklosigkeiten genannten Potentaten und Politiker - das gilt auch für Wiktor Janukowitsch - Aufsteiger sind, aus ärmlichen Verhältnissen kommen und kaum die Möglichkeit hatten, das raffinierte Programm einer ästhetischen Erziehung zu durchlaufen. Die ungebildete und unreflektierte Lust am Sinnlichen, die sich, kaum an der Macht, nun regt, orientiert sich aber gerne an den ersten, ursprünglichen ästhetischen Empfindungen: Es sind die des Kindes. Gross muss etwas sein, auffallend, bunt, glänzend, kostbar, beeindruckend, und der Nachbar soll es nicht haben.

Kinderträume

Solch monumentaler Kitsch ist die lächerliche Kehrseite des Erhabenen. Und solchem Kitsch verfällt jener Erwachsene, der sich plötzlich in die Lage versetzt sieht, sich seine Kinderträume über alle Maßen hinaus zu erfüllen. Wer hätte denn nicht gerne einen riesigen Teich mit einem Schiff, einen eigenen Zoo, einen kleinen Dschungel und goldene Wasserhähne? Die Häme über Janukowitschs vergoldete Toilettenarmaturen rührt allerdings an ein zentrales Problem der Ästhetik von Gebrauchsgegenständen: an die Balance zwischen Funktion, Form und Material. Banales zu nobilitieren, indem ein eigentlich unpassendes, aber selbst als kostbar und schön geltendes Material gewählt wird, gehört zu den ältesten Äusserungsformen des schlechten Geschmacks.

Das Ewige und das Flüchtigste

Schon in Platons einschlägigem Dialog über das Schöne, im «Grösseren Hippias», macht sich Sokrates über einen Parvenü lustig, der seinen Hirsebrei mit einem Quirl aus Gold umrühren will. Auch wenn er glänzen mag: Besonders schön ist dieser Quirl nicht, weil das Material seiner Funktion nicht angemessen ist. Von diesem Quirl ist es nur ein kleiner Schritt zum vergoldeten Klosett aus der Villa des ukrainischen Ex-Präsidenten. Die Pointe liegt dabei allerdings darin, dass Gold, jenes Edelmetall, das wie kein anderes für Ewigkeit und Unzerstörbarkeit steht - weshalb es auch in keiner barocken Kirche fehlen darf -, nun das Flüchtigste und Vergänglichste, die menschliche Ausscheidung, ornamentieren soll. Die Grenze zwischen Kitsch und Hintersinn ist manchmal fliessend.

 
Die Affinität zum Kitsch hat so ganz wesentlich mit einer Regression zu tun. Das Eintauchen in unschuldige Kinderträume wird jedoch zum Verhängnis, wenn sich darin die Machtphantasien eines Erwachsenen offenbaren und eine Gelegenheit bekommen, sich auszutoben. Darin aber liegt auch das Erschreckende dieser Bilder aus der Luxusresidenz von Wiktor Janukowitsch, die an der Stelle des in Sowjetzeiten abgerissenen Klosters Meschihiria errichtet worden war: Die sinnliche Seite der unkontrollierten Macht ist nicht einfach nur hässlich, oder geschmacklos, oder lächerlich. Sie ist infantil. Das sollte uns zu denken geben.

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. 2002 erschien «Kitsch! Oder warum der schlechte Geschmack der eigentlich gute ist». Zuletzt veröffentlichte er 2012 im Wiener Zsolnay-Verlag den Band: «Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft».


Nota - Eine vertane Gelegenheit. Schlechter Geschmack ist nur Mangel an gutem. Aber Kitsch ist mehr. Zunächst einmal ist er die Indienstnahme des Schönen, das "ohne Interesse gefällt", für - Interessen. Das Schöne ist nur schön, solange es keinem Zweck dient. Genauer gesagt: solange es so aussieht, als ob es keinem Zweck diente. Darum gibt es Stufen des Kitsches: Das unerfahrene Auge - das des Kindes zum Beispiel - erkennt den Zweck dahinter weniger leicht als ein gebildeter Blick. Dem reicht es schon, dass man der Schönheit die Mühsal ansieht, die ihre Produktion gekostet hat; im klassischen Ballet zum Beispiel und auf der Opernbühne. (Als Kunst schätzt er er dann vorzüglich die Perfektion, mit der die Künstler ihren Kraftakt überspielen.)

Das also stimmt: Kunst, die im Dienst von Politik steht, wird unvermeidlich Kitsch - wenn sie ihn nicht agitproppig überschreit. Woher dieser Unterschied? Derjenige Zweck, dem das Schöne am liebsten unterworfen, und der darum auch am liebsten übersehen wird, ist das Selbstgefallen. Dient das Werk außer einem politischen Zweck noch dem Selbstgefallen der Betrachter, wird der Kitsch perfekt. Und dann wird der politische Zweck ganz unwichtig. Und umgekehrt: Wenn die politisierte Kunst den Betrachter nicht in Selbstgefallen wiegt, sondern zu Kampf und Todesmut aufstachelt, mag sie immer noch von schlechtem Geschmack sein, aber sie heißt dann nicht Kitsch, sondern  Agitprop.

Nein, weltliche und Kirchenfürsten waren nicht nur ausnahmsweise Kenner und Förderer der Künste. Denn dadurch verherrlichten sie ihre Herrschaft. Erst in bürgerlichen Zeiten muss die Politik sich vorm Volk legitimieren. Zuvor reichte es aus, dass sie sich darstellte, zur Schau stellte, denn legitimiert war sie durch höhere Mächte. Das war bei den Usurpatoren in den italienischen Renaissancefürstentümern nicht mehr selbstverständlich, denn die gegnerische Adelspartei wartete schon auf die nächstbeste Gelegenheit, und so nahm die Selbstinszenierung selber kämpferische Züge an. Schleimig und buhlend wird die politische Indienstnahme der Kunst erst in der Epoche der Volksherrschaften. Der Kitsch ist eine Erscheinung der bürgerlichen Gesellschaft, wie allerdings auch die Avantgarde. Und seither ist Geschmack auch nicht mehr eine Frage der höheren oder geringeren Bildung, sondern Teil der jeweiligen Weltanschauung. Man sieht es in Janukowitschs Zauberschloss.
JE


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